Geschichten

Abenteuergeschichten

Viele Abenteuergeschichten beginnen im Herbst. Als ob wir uns mit den kürzer werdenden Tagen auf die Reise begeben müssten, so wie die Helden in unseren Abenteuergeschichten. Die Beständigkeit des Wetters lässt nach, es regnet viel, die Wege weichen auf. Wir müssen uns sputen fort zu kommen, denn wer nicht rechtzeitig aufbricht, bleibt zurück.

Gandalf und Frodo und wie sie alle heißen mögen, folgen den unmissverständlichen Zeichen der Zeit und sie wissen, dass sie gehen müssen, auch wenn das Ziel noch im Dunkel liegt. Mir geht es oft genauso. Immer wenn der Herbst anbricht und die Nächte kühl werden, die Tage regnerisch, weiß ich, dass der Sommer jetzt wirklich vorbei ist und mehr noch, ich spüre dass ein Lebensabschnitt vorüber gegangen ist, der sich nicht wiederholen lässt. Das Licht der Sonne fehlt mir. Wo ist ihr Glanz geblieben, ihre Wärme, die Farben des Lebens? Ich ahne, dass ich nichts festhalten kann. Ich werde mit leeren Händen dastehen, ich muss mich verabschieden, ich muss los, wie die Helden in den Geschichten, die ich so liebe.

In jene graue Zeit, fallen die Gedenktage an die Verstorbenen, die Mahnung zur Buße und die vage Hoffnung auf Ewigkeit. Die Welt verändert sich. Die Dunkelheit wirkt unabwendbar, ich kann mich nicht gegen sie auflehnen, nachdrücklich und zwingend umgibt sie mich. Mir bleibt keine Wahl. Ich muss jetzt gehen. Wer jetzt nicht bereit ist, sich dem Lauf des Lebens zu überlassen, erstarrt, wird von der frühen Finsternis überrascht und findet dann keinen Weg mehr. In der Bibel heißt es: „Wer sein Leben gewinnen will, der wird’s verlieren; und wer sein Leben verliert, der wird es finden.“ Christus meint damit kein freiwilliges Martyrium, bestimmt aber die Bereitschaft zum Risiko und die Fähigkeit zum Loslassen. Es ist merkwürdig. Wir glauben immer, dass unsere Lebenszeit in der Vergangenheit zu Hause ist, so wie die Wiege im Elternhaus, die wir längst verlassen haben, dabei steht dort alles leer und still und nichts ist mehr wie es war. Gewiss es gibt Spuren, aber führen sie nicht fort und fort?

Das Leben, komme ich zu der Erkenntnis, liegt vor mir, nicht hinter mir. Ich bin dankbar für den Sommer, was kommen wird, liegt vor mir verborgen in herbstlichem Nebel unter verhangenem Himmel. Wie dem auch sei, diesen Weg muss ich jetzt gehen. Katholischem Glauben zufolge, verlassen im November die Seelen der Verstorbenen das Fegefeuer und kehren zu ihren Grabstätten zurück. Sie suchen unsere Nähe und erbitten unsere Fürsprache. Sie mahnen uns aber auch und lehren uns, unsere Lebensziele zu überdenken. Vielleicht so wie St. Martin, dem Reichtum und dem Kriegshandwerk abzusagen, oder die Armen zu speisen, wie die Heilige Elisabeth. Buße steht nun auch bei mir im Vordergrund. Die kürzer werdende Zeit drängt mich zu entscheiden.

Wohin willst du gehen? Und was willst du noch tun, bevor es auf’s Ende zugeht? Frodo und Gandalf, die Helden in meinen Lieblingsgeschichten, haben sich ihren Weg nicht ausgesucht, aber sie haben die Aufgabe zu Ende gebracht. Ob mir das auch gelingen wird? Noch liegt der Weg vor mir und die Zeit wird knapp. Ob Engel meinen Weg geleiten, ob der Himmel mir beisteht, ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass es Zeit wird aufzubrechen.