Predigten

Eine milde Gabe

Predigt über Markus 12,41-44

Unsere Geschichte spielt im Jerusalemer Tempel. Jesus hatte dort gelehrt und mit den Menschen disputiert. Nun ruht er sich aus. Sein Blick fällt auf die 13 Opferkästen. Was die Menschen dort hineinlegen, dient zur Erhaltung des Tempels. Und da der Tempel letztlich das Haus Gottes auf Erden ist, ist jedes Opfer eine Wohltat an Gott selbst.

Ich kann mir gut vorstellen, wie Jesus dort auf einer Mauer gelehnt saß, und dem lebendigen Treiben der Leute zuschaute. Ab und zu, gaben die Priester feierlich den Betrag einer größeren Summe bekannt, die einer, großzügig wie er war, gespendet hat. Das ließ die Menge für einen Moment aufhorchen. Das mag wohl dem einen oder anderen als Vorbild für die eigene Spendenpraxis gedient haben. Wenn man sich die Leute so ansieht, und das tun wir gerade in unseren Gedanken, dann liegt es nahe von der äußeren Erscheinung der Menschen auf die Höhe ihrer Gaben zu schließen, selbst wenn man damit manchmal ziemlich daneben lieben kann. Aber im Großen und Ganzen kann man wohl davon ausgehen, dass die, die mehr haben, auch mehr geben; jedenfalls traut man einem reichen Kaufmann auch eine hohe Spendensumme zu, und man wundert sich nicht, wenn Spitzenverdiener etwa eine Million für einen guten Zweck spenden, obgleich das natürlich wirklich nicht selbstverständlich ist. Aber jeder eben nach seinen Möglichkeiten.

Vielleicht hat Jesus auch so gedacht, als er den Menschen im Tempel zusah. Ich nehme an, er schaute wohlwollend zu, und war dankbar und zufrieden über die Spendenbereitschaft dieser Leute da. Natürlich – manche sonnten sich im Licht der Öffentlichkeit ein wenig zu viel und trugen stolz ihre Geldbörse zur Schau, aber das war eigentlich schon immer so, und hat sich bis heute auch nicht wesentlich geändert. Jesus jedenfalls wurde davon wohl kaum irritiert. Das war nichts Neues.

Vielleicht nicht unbedingt neu, aber bewundernswert dagegen war das Auftreten dieser Witwe da. Nicht dass sie viel zur Erhaltung des Tempels beigetragen hätte, aber die Entschlossenheit und Selbstverständlichkeit mit der sie ihre zwei Scherflein in den Kasten getan hat, verdient unser Interesse. Normalerweise hatten Witwen damals nämlich keinen Cent zu viel in der Tasche. Und manchmal ist das noch heute so. Sie waren abhängig von der Fürsorge der eigenen Familie oder der Unterstützung durch Fremde. So oder so, sie waren das fünfte Rad am Wagen. Keiner konnte sie gebrauchen. In gewisser weise waren sie rechtlose Personen, die kein Daseinsrecht mehr für sich beanspruchen konnten. Ihre Würde hatten sie gleichsam mit dem Tod ihres Ehemannes verloren.

Für Jesus war es ein leichtes, die Witwe an ihrer Tracht zu erkennen. „Was macht diese Frau hier?,“ mag er gedacht haben. Meistens sitzen die Witwen draußen im Vorhof und betteln zusammen mit den Armen und Kranken, aber hier im Schatzhaus vor den Opferkästen, sieht man sie selten. Also behält Jesus die Frau im Blick, und mittels seines göttlichen Weitblicks, erkennt er, dass sie zwei Scherflein, summa sumarum ein Pfennig, in den Kasten gelegt hat. Das wäre nicht weiter erwähnenswert, und die Priester machen ja auch kein Aufhebens davon, wenn es nicht die gesamte Barschaft dieser Frau gewesen wäre, oder wie Jesus treffend erkannte, ihre gesamte Habe.

Sie hat alles in den Opferstock gelegt, alles was sie zum Leben hatte. Von außen betrachtet ist es wenig. Dafür hätten die Tempeldiener nicht einmal einen Stein bekommen. Doch innerhalb der Perspektive Jesu gilt dieses Opfer mehr als das aller anderen. Denn diese uns unbekannte Frau hat nicht nur etwas für einen guten Zweck getan, für irgendein mildtätiges Werk, sondern sie hat ihr ganzes Leben, die Sorge ums tägliche Brot, in Gottes Hand gegeben. Jesus findet, das ist unserer Aufmerksamkeit wert, denn wer tut so etwas schon.

Manche sagen, wenn die Witwe normal gewesen wäre, dann hätte sie von den zwei Scherflein einen für sich behalten können und wäre immer noch großzügig gewesen, ohne sich gleichzeitig ihre ohnehin spärliche Existenzgrundlage zu rauben.

Das ist zwar logisch und vernünftig gedacht, aber eben nicht die Logik jenes Verhaltens, das Jesus selig preist.

Ich musste in diesem Zusammenhang an das Wort „Habseligkeit“ denken, das von vielen Menschen in unserem Land, für das schönste deutsche Wort gehalten wird. Dann trägt das Verhalten der Witwe dazu bei, die Brücke von der Habe zur Seligkeit zu schlagen, denn es ist nicht die Habe, die wir haben, die uns selig macht, sondern die Habe, die wir geben. Habseligkeiten sind deswegen kaum größere Vermögen, sondern eher Gegenstände der Erinnerung, als Gegenstände des Goldes, Überbleibsel des Lebens, angesichts der Vergänglichkeit.

Was die Witwe tut ist einmal und ungewöhnlich. Ob es für uns allerdings als nachzuahmendes Beispiel taugt, dessen bin ich mir nicht sicher. Es geht und das haben Sie ja gemerkt, nicht um die Höhe einer Spende, also ums Geld. Es geht aber darum, Gott zu vertrauen, als Reicher wie als Armer, als Ehefrau und als Witwe, als Gesunder und als Kranker. Zu wissen, dass mein Leben in Gottes Hand ist, mag der erste Gedanke am morgen und der letzte Gedanke am Abend meines Tages sein. In diesem Glauben, wenn ich die Sorge für mein Leben, Gott überlassen kann, bin ich stark. Und wenn mich die Sorge um mein persönliches Wohl oder Wehe nicht mehr hindert, wachsen mir Flügel.

Was aus der Witwe geworden ist, wissen wir nicht, aber ich glaube wir können davon ausgehen, dass Gott auf die ein oder andere Art für sie gesorgt hat. Darauf wollen wir bauen und Gott in Hände legen, was ihm gehört, unser Leben und unsere Zeit. Der uns das Leben geschenkt hat, der wird auch Wege finden, die wir gehen können. Amen.