Titel

In den Himmel kommen

An Christi Himmelfahrt, erinnern wir uns daran, wie Christus in den Himmel aufgenommen wurde. Im Glaubensbekenntnis heißt es entsprechend: „aufgefahren in den Himmel.“ Aber das ist noch nicht alles. Nach dem „aufgefahren in den Himmel,“ heißt es weiter: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des Allmächtigen Vaters“, und „von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Damit wäre dann auch die Frage beantwortet, was Christus im Himmel macht und warum wir uns in unseren Gebeten auch immer an den Himmel wenden. Weil wir nämlich in unserem Glauben darauf hoffen, einen Weg in den Himmel gebahnt zu bekommen.

Wenn man darüber nachdenkt, dann ist der Himmel in vielen Religionen so etwas wie eine Alternative zur normalen sichtbaren Wirklichkeit. In dem Online-Lexikon Wikipedia heißt es: „Himmel ist in vielen Religionen eine Sphäre, die alternativ zur empirischen Wirklichkeit übernatürliche Wesen, Erscheinungen oder Götter beheimatet. Außerdem kann dies ein Ort sein, an dem das jenseitige Leben gelebt wird und an dem die Götter oder der Gott ihre Heimat haben.“

Das trifft sich mit unseren Vorstellungen von der Himmelfahrt Jesu, wie er vor den Augen seiner Jünger von einer Wolke umschattet aufgehoben wurde in den Himmel, um dann dort im Thronsaal Platz zunehmen. Und wenn wir darauf hoffen, dereinst nach unserem Tode in die himmlischen Wohnungen aufgenommen zu werden, dann wird der Himmel in diesem Sinne tatsächlich der Ort, an dem das jenseitige Leben stattfinden könnte. Das allerdings näher auszumalen, ist unsere Sache nicht. Das wollen wir doch der Gnade Gottes überlassen.

Der Himmel, und was wir damit verbinden; in immer neuen Wendungen wird er beschworen, und was er für uns bedeuten könnte. Und manchmal bietet er sogar Stoff für einige Witze, wie diesen zum Beispiel, der zum heutigen Vatertag auch nicht ganz unpassend ist: „Warum kommen nur 10% aller Männer in den Himmel? Wenn alle reinkommen würden, dann wäre es die Hölle.“ – Auch wenn viele Menschen, nicht so recht wissen, was es mit dem Fest der Himmelfahrt so auf sich hat, über den Himmel können alle reden, oder vielleicht sollte ich besser sagen singen.

Der Popmusiker Herbert Grönemeyer spricht sich in seinem Lied: „Ein Stück vom Himmel“ für mehr religiöse Toleranz aus, die Band Silbermond möchte, dass „der Himmel aufreißt“ und auch in dem gleichnamigen Film „der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders, spielt der Himmel als bedeutungsvolle Metapher die Hauptrolle. Der Himmel als geheimnisvoller Ort, gehört den Engeln, die wiederum unsichtbar, den Menschen Lebensmut spenden sollen.

Früher hat man versucht die Himmelfahrt Jesu anschaulich zu gestalten. In manchen Kirchen Süddeutschlands hatte man eine Christusfigur mit Stricken befestigt in die Höhe gezogen. Während das uralte Lied: „Christ fuhr gen Himmel“ angestimmt wurde, schwebte die Christusfigur umgeben von Weihrauchdämpfen in die Höhe.

Dann oben angekommen, erschienen auf der Empore zwei in weiß gekleidete Engel, die der versammelten Gemeinde verkündigten, dass der Hinaufgefahrene am Ende der Zeit wiederkehren würde. Manchmal indessen riss auch der Strick entzwei, und dann musste improvisiert werden. Jedenfalls haben sich die Menschen auch schon damals redlich bemüht, die Geheimnisse des Glaubens zu visualisieren, wie wir heute sagen würden.

Allerdings schauen wir heute anders in den Himmel als die Menschen vergangener Jahrtausende. Wir denken dabei weniger an Engel oder Dämonen, an himmlische Reiche oder Wolkenschlösser, viel eher an die nächste Fernreise, mit dem Flugzeug natürlich. Gott dort oben zu vermuten ergibt für uns heute kaum noch Sinn. Der Himmel als geografischer Raum bietet jedenfalls für Gott keinen ausfüllbaren Platz mehr. So sehr hat sich unser Weltbild durch Wissenschaft und Technik über die Jahrhunderte verändert.

Doch die Erfahrung von etwas Heiligem, von Schönheit und Erhabenheit, die uns anrühren und bewegen, lässt uns den Himmel und das was er verspricht, immer noch suchen. Gerade an den Grenzen des Lebens bekommen wir ein Gefühl für die Unendlichkeit des Himmels, für die Ewigkeit, die unser irdisches und endliches Leben umfängt.

Diese Erfahrung zur Sprache zu bringen ist die Aufgabe unserer Religion. Sprache und symbolische Umschreibungen zu finden, für etwas, das eigentlich gar nicht in Worte zu fassen ist und unseren Verstehenshorizont übersteigt. Und das treffendste Symbol dafür ist glaube ich, „der Himmel“. Denn der Himmel ist nah und fern zugleich. Er ist immer da, auch wenn ich ihn nicht wahrnehme und vor mir sehe. Er ist vor uns und hinter uns und über allem. Er ist allgegenwärtig und scheinbar zum Greifen nahe, und doch unfassbar und weit.

Diese Vorstellungen könnten auch den Philosophen Immanuel Kant inspiriert haben, als er über die Dimension religiöser Erfahrung in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ formulierte: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“

Die Unendlichkeit des Himmels und die menschliche Fähigkeit zur Güte sind also laut Kant die Grundbedingungen religiösen Empfindens, das sich nicht begründen lässt, aber erfahren. Insofern lässt sich über Gott im Himmel nicht rational nachdenken, aber was es damit auf sich haben könnte, beginnen wir mehr zu ahnen als zu verstehen, mehr zu fühlen als zu begreifen.

In der antiken Welt nahm man die Sache noch gegenständlich. Da überspannte der Himmel wie ein Zelt die flache Erdscheibe. Über dem Firmament, also dem sichtbaren Himmel, befand sich die Sphäre Gottes, die dem menschlichen Auge meistens verschlossen blieb. Dort leben auch die Engel und der Teufel musste eigens von dort verbannt werden. An der höchsten Stelle aber wurde der Thron Gottes vermutet. Oft wurde der Himmel sogar noch weiter eingeteilt. Der Apostel Paulus spricht z. B. von drei Ebenen, wobei die göttliche natürlich ganz oben angesiedelt ist. Der Himmel ist also auch biblisch, die Sphäre Gottes, in der das Böse besiegt ist und Gott alles in allem ist. Insofern nimmt der Himmel vorweg, was auf Erden noch werden muss: Gerechtigkeit und Friede.

Wie aber kommt man in den Himmel? Wir sprechen ja immer wieder davon und überlegen hin und her. Vor dem Hintergrund einer strikten Unterscheidung von Himmel und Erde, von Gut und Böse, gab es zu allen Zeiten strenge Zugangsbedingungen, die den Eintritt in den Himmel regeln sollten. Meistens war ein untadliger und frommer Lebenswandel die Voraussetzung dafür in den Himmel zu kommen. Nicht zuletzt um die eigene Autorität zu erhalten, taten die verschiedenen Kirchen einiges dazu, die Latte hochzuhalten und damit den Zugang zum Heil auf die Auserwählten und Würdigen zu beschränken.

Jesus selber hingegen, hatte diese strikte Trennung zwischen Himmlischem und Irdischem so nicht mitgemacht. Er hatte sie in gewisser Weise aufgehoben, etwa in dem er davon sprach, dass das Himmelreich mitten unter den Menschen sei. In seinen Gleichnissen deutete er an, dass das Reich Gottes, und damit der Himmel, die Sphäre Gottes, einem Senfkorn gleich oder so wie der Sauerteig, schon im Keimen und Wachsen sei. Später haben christliche Mystiker formuliert, „der Himmel ist in dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. (Angelus Silesius, 1657). Diesem Sinn nach fängt der Himmel vor unserer Haustür an und unser eigenes Leben ist der Anknüpfungspunkt des Göttlichen: „ein Stück vom Himmel.“

Das Leben des Menschen ist ein Weg, den wir ablaufen, um den Himmel zu finden. Den Himmel vermuten wir außerhalb von uns, und doch liegt er in uns. Der Himmel, der wirkliche Himmel ist in dir. „halt an, wo laufst du hin?“ – Deine Bestimmung, deinen Himmel, wo suchst du ihn? Wo Gott? Er ist nicht anderswo. Er ist in dir. Wo sonst?

„Du Fauler,“ schreibt Augustin, „steh auf! Der Weg kommt selbst zu dir und weckt dich aus dem Schlaf! Wenn er dich noch wachmachen kann! Steh auf und gehe!“ Das Reich Gottes, das Reich der Himmel ist mitten unter euch. Amen.