Predigten

Mose, Geschichte eines Menschenlebens

Liebe Gemeinde, die Geschichte eines Menschenlebens ist auch immer zugleich die Geschichte eines Weges, den ein Mensch im Lauf seines Lebens zurückgelegt hat. Es ist ein Weg, der die einzelnen Stationen des Lebens miteinander verbindet, trotz mancher Umwege und Unterbrechungen. Oft ist es überraschend, den eigenen Weg in Gedanken noch einmal zu verfolgen, und dabei festzustellen, dass der eigene Weg nicht das Produkt sorgfältiger Planung gewesen ist, sondern genauso auf Zufall beruht, wie auf schicksalhafter Fügung.

Denn nicht immer weiß man genau, wie man eigentlich dahin gekommen ist, wo man gerade ist. Das ist ein bisschen so wie mit dem Älterwerden, man fragt sich wo die Zeit geblieben ist, und wo die Jahre hingegangen sind. Wenn man den eigenen Lebensweg betrachtet, stellen sich ganz unweigerlich die alten Fragen der Religionen, woher komme ich, wohin gehe ich, wer bin ich, und was erwartet mich? Es gilt die Höhen und Tiefen des Lebens in Augenschein zu nehmen, und dann wer weiß einen roten Faden zu finden, etwas, das alles zusammen hält und am Ende, die Frage beantwortet, wer ich bin, und wofür ich stehe.

Ein Weg vermag vieles miteinander zu verbinden. Er muss nicht geplant und geradlinig verlaufen, oft genug schlängelt er sich, so als fehle ihm die Richtung, und dann geschieht es doch, dass er sein Ziel findet, und verbindet, was so weit auseinanderliegt, wie Freud und Leid, Tod und Leben. Das Leben eines Menschen ist so ein Weg, bei dem ein Schritt auf den nächsten folgt, und was im Moment vielleicht eher unklar erscheint und dunkel, mag wenn man von einem Hügel aus, den Weg anschaut, den man zurückgelegt hat, eine innere Logik bekommen, vielleicht sogar auch einen Sinn. Dann wären Leiden und Schmerzen nicht umsonst gewesen, sondern Teil einer Wegstrecke, hin zu einem besseren und tieferen Leben. Dann stünde das Leiden nicht nur für einen namenlosen Schmerz, sondern für den Ruf nach Freiheit und Erlösung.

Von einem Weg, und der damit verbundenen Berufung zur Erlösung, möchte ich ihnen heute am Beispiel der Mosegeschichte erzählen. Sie erinnern sich vielleicht noch daran, dass eine Hungersnot die Israeliten nach Ägypten geführt hatte. Damals hatte Josef, die Träume des ägyptischen Pharaos klug gedeutet, dadurch, dass er Kornspeicher aufbauen ließ, die die Versorgung des Volkes auch in schlechten Zeiten gewährleisten konnte. Deshalb waren auch die Israeliten nach Ägypten gekommen, um Nahrung zu bekommen. Viele Jahre später aber litten sie unter Fronarbeit in Ägypten. In dieser Zeit trat Mose auf den Plan.

Als Kleinkind wurde er von seiner Mutter am Nil ausgesetzt, und wurde dann, ausgerechnet von einer ägyptischen Prinzessin gefunden und gerettet. Sie erzog ihn wie ein Prinz. Ihm ging es gut, im Schoße der königlichen Familie, ganz im Gegensatz zu seinem Herkunftsvolk, seinen hebräischen Landsleuten. Sie litten unter der ägyptischen Herrschaft und der schweren Sklaven- und Fronarbeit. Eine Wendung in seinem Leben geschah, als er einmal mit ansehen musste, wie ein ägyptischer Aufseher, einen hebräischen Arbeiter drangsalierte.

Da fuhr Mose aus der Haut und erschlug den Aufseher kaltblütig. In der Folge musste er die Vergeltung des Pharos fürchten und floh deshalb fort von Ägypten in die Wüste, nach Midian.

So geschieht es manchmal, dass die Orte, an denen wir uns zuhause dünken, uns mit einmal fremd vorkommen. Wenn wir denken, da können wir nicht mehr länger bleiben. Sie können unerträglich werden. Und was einmal paradiesische Lebensumstände waren, wird unmerklich eng und unwirtlich. Was Geborgenheit versprach, wird auf einmal gefährlich. Der Mord an dem ägyptischen Aufseher, lässt kein Zurück mehr zu. Mose muss seine Heimat verlassen, und einen neuen Weg finden, einen der ihn wegführt, weg von zuhause, und seinem bisherigen Leben.

Die Wüste ist für ihn zunächst der Ort der Entbehrung. Es fehlt an allem. Dazu kommen die inneren Zweifel, Schuldgefühle und Einsamkeit. Mose weiß nicht wirklich wohin oder wozu. Ob er ein Prinz ist oder ein feiger Mörder, ein stolzer Ägypter oder ein Hebräer, ein Königskind oder ein Sklave. Er geht einfach immer weiter, so weit wie er kann. Doch das Schicksal meint es gut mit ihm, und er kommt an eine Oase. Dort beginnt für ihn ein neuer Lebensabschnitt. Er findet eine neue Familie, und arbeitet später als Schafhirte. Endlich ist wieder Ruhe in sein Leben gekommen, und das tut ihm nach allen Krisen und Fluchterfahrungen gut. Sein Leben ist wieder in Ordnung gekommen. Die Arbeit füllt ihn aus, seine Frau Zippora und die Kinder brauchen ihn, er ist wieder wer, und kann sich sehen lassen. Der Weg, der ihn hergeführt hat, ist vergessen, mit ihm das Leid und Krisen der Vergangenheit. Mose hat sich neu in seinem Leben eingerichtet, und dass, was er hat, reicht ihm. Er hat genug für sein ganzes Leben. Er will es nicht mehr anders. Gott hat es am Ende doch gut mit ihm gemeint.

Dass es dann doch anders kommt, erzählt unser heutiger Predigttext, aus dem zweiten Buch Mose. Neugierig geworden, verlässt Mose seine vertrauten Lebenspfade, um einen brennenden Dornbusch anzuschauen, der aber anscheinend nicht verbrennt. Was es damit auf sich hat, erfährt er in einer erschütternden Begegnung mit dem Göttlichen. Ein Engel oder in Wirklichkeit Gott selbst spricht Mose an.

Und Mose kennt diese Stimme, sie ist ihm ebenso bekannt, wie fremd. Sie kommt von weither, aus einer unergründlichen Tiefe, und ist doch nahe, mitten in ihm. Gott stellt sich ihm vor, als der Gott seiner Väter und Mütter, und damit auch als der Gott seiner Vorfahren, mit denen er, ob er will oder nicht, schon immer verbunden ist, solange er lebt. Daran knüpft die Stimme Gottes auch an, indem sie Mose an seine Schwestern und Brüder, an sein Volk erinnert, das in Ägypten unter der Sklaverei leidet.

Gott will, dass Mose sich auch erinnert, denn mit der Erinnerung beginnt die Erlösung. Das Geheimnis der Erlösung, heißt Erinnerung, insofern liegt es auf der Hand, dass Gott, der das Leiden seines Volkes angesehen hat und sich seines Leidens erinnert, auch einen Weg findet um es zu befreien und zu erlösen. Dazu bietet sich Mose an, auch wenn es zunächst nicht danach aussieht.

Denn Mose wehrt sich nach Kräften gegen diese Berufung. Er hat mit seiner Vergangenheit abgeschlossen, und er möchte auch sein neues Leben nicht unnötig aufs Spiel setzen. Zuhause wartet seine Familie. Und weder die Ägypter noch die Hebräer haben zu ihm gehalten, als es darauf ankam. Er war zwischen die Fronten geraten, und hatte sich unglücklich gemacht. Das bitte schön wollte er wohl nicht noch einmal erleben. Wer kann es ihm verdenken? Nach alledem, noch einmal alles aufs Spiel zu setzen? Warum sollte es jetzt besser werden als beim letzten Mal? Mose handelte damals aus Überzeugung, und es war ihm nicht gedankt worden?

Sie können sich sicher vorstellen, dass es nicht leicht ist, so einen wie auch immer desillusionierten Menschen wie Mose dazu zu bringen es noch einmal zu versuchen, und den Fäden der Vergangenheit zu folgen. Gott erinnert Mose daran, dass er noch gebraucht wird, und zwar für Größeres als nur die Schafe zu hüten. Und führ mehr als nur das Glück mit seiner Familie zu teilen. Was Mose damals in Ägypten gefühlt hatte und mit dem Todschlag eines Aufsehers begonnen hatte, war längst nicht erledigt. Mose hatte richtig gefühlt, in dem er das Leiden seiner Schwestern und Brüder nicht mit ansehen konnte, auch wenn er falsch gehandelt hatte. Er war schuldig geworden, und deshalb so glaube ich war er auch seinem Volk und seinem Gott etwas schuldig.

Ich nehme an, dass er sich deshalb schließlich dazu bereit erklärte sein Volk zu führen und zu befreien. Dass dies kein leichter Weg sein würde, davon berichtet die Bibel in den folgenden Kapiteln und es dauert der Legende nach 40 Jahre bis die Israeliten endlich das gelobte Land gefunden haben. Nicht ohne zaudern und zagen und nicht ohne Murren, über die Entbehrungen auf dem Weg in die Freiheit. Auch Mose wusste nicht immer genau wo es langgeht, aber er hat Gott auf dem Wege immer wieder entdeckt und gefunden, so wie er es ihm versprochen hatte. „Ich werde mit dir sein“, „Ich werde dir unterwegs begegnen.“

Die Geschichte von Mose mag uns heute Gelegenheit geben über unser eigenes Leben nachzudenken, und die Wege zu überschauen, die wir gegangen sind und auf die zu blicken, die wir noch gehen werden. In der Erinnerung liegt die Kraft für die Zukunft, deshalb mag es auch für uns Wege geben, die noch auf uns warten, die wir bisher noch nicht gesehen haben oder sogar nicht sehen wollten. Wie auch immer, der Gott der Vergangenheit unserer Kindheit und Jugend, wird auch der Gott unserer Zukunft sein, auf dem Höhepunkt unseres Lebens und wenn wir alt und grau werden. Er wird sich finden lassen, und uns neugierig machen für das Geheimnis des Lebens und nicht zuletzt offen für den Weg der Erlösung.

Allerdings möchte ich doch einem Irrtum vorbeugen. Es geht für uns nicht darum so zu sein wie Mose. Und wie sie gesehen haben, war Mose ja beileibe kein ungebrochener Held. Mose ist gewiss ein Vorbild unseres Glaubens, aber das heißt nicht, dass wir so werden müssten wie Mose. Denn so heißt es in einer chassidischen Geschichte:

In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: „Warum bist du nicht Mose gewesen?“ Man wird mich vielmehr fragen: „Warum bist du nicht Du selbst gewesen?“ Man wird mich nicht fragen: „Warum hast du nicht das Maß erreicht, das der größte und gewaltigste Glaubende unserer Religion gesetzt hat?“ Sondern man wird mich fragen: „Warum hast du nicht das Maß erfüllt, das Gott dir ganz persönlich gesetzt hat? Warum bist du nicht das geworden, was du eigentlich hättest werden sollen?“

So ist Mose seinen unvergleichlichen wie unverwechselbaren Weg gegangen, und hat ihn als Weg Gottes erkannt, und so mag es auch uns geschehen, auf unserem unverwechselbaren Weg, den Gott uns führt. Amen.