Predigten

Schlüssel zum Paradies

Liebe Gemeinde, vielleicht erinnern sie sich noch, früher wurde oft die Tür zum Wohnzimmer, in dem der Weihnachtsbaum stand, zugeschlossen, so dass den Kindern nichts anders übrigblieb, als zu warten bis das Glöckchen ertönte, und sie endlich eintreten konnten. Das geschah dann am Heiligen Abend, so wie vielleicht heute Abend auch hier bei uns. Wer es nicht abwarten konnte, und wer konnte das schon, erheischte vielleicht schon vorher einen Blick durchs Schlüsselloch, und wenn da dann schon Licht hindurch strömte, steigerte das nur die Spannung und verhieß Wunderbares. Wie gesagt früher wurde, dieser Brauch regelmäßig praktiziert, nicht um die Kindern auf die Folter zu spannen, sondern um die Erwartung lebendig zu halten, und um die Vorfreude zu steigern, die ja bekanntlich am größten ist, und auf diese Weise auch genährt werden will.

Ich habe heute in der Erinnerung an diesen Brauch, einen Schlüssel mitgebracht. Damit kann man eine Tür genauso zuschließen, wie aufschließen. Die Haustür, um die Kälte auszusperren, oder um Freunde einzulassen, gar Fremde, wie in Bethlehem Maria und Josef willkommen zu heißen. Man kann das Wohnzimmer verschließen, damit das Christkind vor den allzu neugieren Blicken der Kinder verborgen bleibt, und dadurch am Ende alle überraschen kann, und wenn man die Tür aufschließt, und wir zusammen mit den Kindern und der ganzen Familie das geschmückte und strahlende Zimmer betreten, in dessen Mitte der Weihnachtsbaum steht, dann ist wirklich Weihnachten.

Warum das so ist, ist gar nicht so leicht zu sagen. Viele Erinnerungen hängen daran, die uns schon seit Kindertagen begleiten, und wenn wir dann unsere eigenen Kinder ansehen oder unsere Enkelkinder, dann wiederholt sich auch unsere eigene Geschichte und wir können wieder zu Kindern werden, auch wenn wir längst den Kinderschuhen entwachsen sind. Weihnachten, das hat etwas mit der Geschichte von Maria und Josef zu tun, den Hirten auf dem Felde und den Weisen aus dem Morgenland. Mit unseren Kindheitserinnerungen, mit der Sehnsucht nach Harmonie und Frieden, zuhause in der eigenen Familie genauso wie in der Welt da draußen. Wahrscheinlich kommen aber die wenigsten darauf, dass Weihnachten auch etwas mit so einem Schlüssel zu tun haben könnte.

Die Menschen im Mittelalter wussten das und zu Zeiten der Reformation dichtete Nikolaus Herman 1554: „Heut schleußt er wieder auf die Tür, zum schönen Paradies; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis, Gott sei Lob Ehr und Preis! (EG 27,6)“

Wenn man also diesen Schlüssel nimmt, kann man leichter nachvollziehen, warum bei uns oft das Wohnzimmer vor Weihnachten abgeschlossen, und erst an Weihnachten feierlich geöffnet wird. Wir erinnern damit vielleicht ungewollt an das Paradies, das für uns verloren gegangen ist, so wie einst für Adam und Eva, und das an Weihnachten wieder offen stehen soll.

Lassen Sie uns darüber nachdenken wie das gekommen ist. Ganz am Anfang der Welt lebten Adam und Eva ganz im Einklang mit sich und ihrer Umwelt. Sie hatten den ganzen Garten Eden für sich, mit allen Früchten und Gaben. Ein regelrechtes Paradies. Sogar Gott ging abends im Garten spazieren. Doch dieser paradiesische Zustand währte nicht lange. Der Bibel zufolge, ließen Adam und Eva sich verführen, und kosteten von der verbotenen Frucht, die klug und mächtig wie Gott machen würde. Gott fürchtete, dass den Menschen von nun an alles möglich sein würde, deshalb trieb er sie aus dem Paradies hinaus, und schützte es mit Engeln, mit flammenden Schwertern um den Baum des Lebens vor den Menschen zu bewachen.

Da war das Paradies für Adam und Eva verschlossen, und für alle Generationen nach ihnen, auch für uns. Langsam und stück für stück lösten sich die Menschenkinder von ihrer totalen Abhängigkeit von der Natur, und nicht zuletzt auch von ihren Eltern. Das ist kein Sündenfall, sondern etwas, das jeder von uns durchgemacht hat, wenn er oder sie den eigenen Willen erprobt und um Selbständigkeit kämpft. Die Schlange, die Adam und Eva verführte, ist nicht das Böse schlechthin, im Gegenteil, sie weckt die menschliche Neugier und die Lust das Leben auszuprobieren. Ihr werdet sein wie Gott, sagt sie, und wissen was gut und böse ist. Ihr werdet nicht sterben, wie Gott gewarnt hatte, und doch müssen sie entdecken, dass sie nackt sind und sie schämen sich dafür.

Davon hatte die Schlange nichts gesagt, dass die Sache zwei Seiten hat. Erkenntnis ist gut, besonders Selbsterkenntnis, aber durch sie erkennen wir auch, dass wir selber nicht makellos sind und Fehler haben. Freiheit ist gut, aber wer ein freies Leben führt, den kann jeder sehen, und manchmal zeigt sich, wie er sich übernommen hat. Eigenverantwortlichkeit ist gut. Aber wo selbständige Menschen zusammenleben, konkurrieren sie auch miteinander und werden schuldig. Und so kam mit der Freiheit die Scham in die Welt, und mit der Verantwortlichkeit die Schuld.

Gott wusste, dass es gefährlich werden würde und dass es Risiken geben würde, die kaum noch zu beherrschen gewesen wären. Deshalb wollte er die Menschen vom Baum der Erkenntnis fernhalten. Aber nachdem es nun Mal geschehen war und die Menschen, gottgleich die Erde gestalten und verwalten konnten, verschloss Gott das Paradies, um den Baum des Lebens zu schützen. Vor dem Garten Eden aber ließ er die Cherubim lagern mit dem flammenden blitzenden Schwert.

Seit jenen Tagen befinden wir uns jenseits von Eden. Und wir finden uns wieder in einem Leben, das wir alle miteinander im Guten wie im Schweren teilen. Durch Gottes Segen tragen unsere Äcker immer noch Frucht, und die Arbeit, die wir zu tun haben, erfüllt uns auch. Aber es wachsen eben auch Dornen und Disteln, und die Arbeit ist oft schwer und manchmal auch vergebliche Mühe. Jenseits von Eden werden immer noch Kinder geboren, zum Glück ihrer Eltern, aber auch verbunden mit Schmerzen und Sorgen. Und jenseits von Eden gelingt unser Zusammenleben durch Gesetze und Regeln, und Gottes Geboten. Aber wir werden ihnen niemals ganz gerecht und bleiben nicht ohne Schuld.

Deshalb erwacht immer wieder von neuem in uns, und besonders an Weihnachten, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies; die Sehnsucht erlöst zu werden aus Mühsal und Vergeblichkeit, aus Verletzungen und Schuld. Wenn das nun wahr wird, was der Engel der Weihnachtsgeschichte verspricht, dass uns der Retter geboren wird, dann wird uns auch wie in dem Lied, die Tür zum schönen Paradies wieder aufgeschlossen, Gott sei Lob Ehr und Preis. Es ist so als ob in der Heiligen Nacht das Tor zum Paradies wieder auf ginge. Und dann sehen wir das Kind, ein Kind das die Freiheit nicht erkämpfen muss, sondern sie großzügig verschenkt, in dem wir vielleicht wieder wie früher, wie ein Kind unbefangen lachen und weinen können, und unser Herz sprechen lassen. Es ist ein Kind, um das wir uns keine Sorgen machen müssen, sondern dass sie zerstreut in dem Glauben, dass Gott wunderbar ist in jedem Kind, und sich seiner annimmt.

Der Baum der Erkenntnis hatte uns gezeigt, was gut ist und was böse, und dass alles zwei Seiten hat, und dass auch aus Gutem, Schlechtes werden kann. Das himmlische Kind zeigt uns, dass kindliche Sorglosigkeit stärker sein kann als die Angst zu kurz zu kommen; dass kindliche Arglosigkeit weiter reicht als Misstrauen und Missgunst, und dass Gott dafür ein steht. Und nicht zuletzt, dass auch aus Bösem, wieder Gutes werden kann. Wenn man sich nur dafür öffnet. Auch darüber gibt es viele Geschichten zu erzählen, wie sich die Herzen der Menschen öffnen, gerade an Weihnachten, wie aus alten und verbitterten Zeitgenossen, wieder empfindsame und einfühlsame Menschen werden. Wenn also die Tür zum Paradiese aufgeschlossen wird, dann ist das vielleicht auch ein Gleichnis dafür, wie sich die Türen unseres Herzens zu öffnen vermögen. Und wo das geschieht, bekommt das Leben Glanz und Wärme, und es kann etwas neues beginnen.

„Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradies.“ Ich weiß nicht ob wir damit auch schon hineingelangt sind. Wärme, Licht und Frieden, das sind wahrscheinlich eher Momente unseres Lebens, die sich nicht festhalten lassen und die uns entschwinden, je mehr wir nach ihnen greifen. Aber die Erinnerung daran weckt auch die Sehnsucht, das Verlorene zu suchen, und wenn wir das in dieser Welt nicht finden, dann in jener kommenden. Einst hatte der große Prophet Mose sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit, und über viele Jahrzehnte durch die Wüste geführt um das gelobte Land zu suchen. Als sie es endlich gefunden hatten, da lag Mose schon im Sterben. Er würde es nicht mehr betreten können. Doch statt dessen ließ er sich der Sage nach auf einen hohen Berg bringen, um es wenigstens mit seinen Augen sehen zu können. Und ich bin mir sicher, dass er mehr gesehen hat, als sein Volk dann später darin gefunden hat. Denn das wirkliche Paradies liegt nicht da draußen, am Rande der Wüste, sondern es liegt in uns, in unserer Fröhlichkeit und in unserer Güte. Wo immer diese Tür in unserem Herzen geöffnet wird, da wird auch das Paradies erfahrbar. Das Leben wird dadurch heiter und tief, auch wenn es weiterhin endlich bleibt. Doch das ist nicht mehr schlimm, weil die Lebendigkeit des Lebens in uns wohnt, weil Gott in uns wohnt. Amen.