Predigten

Sinkender Petrus

Liebe Gemeinde, in einer alten Geschichte haben Menschen von ihren Erfahrungen berichtet, die sie in einer bedrohlichen Situation, gemacht haben. Es ist sicher nicht alles immer auf uns und unsere heutige Lebenssituation übertragbar, aber ich glaube doch, dass uns die Erfahrungen aus der Vergangenheit dabei helfen können, angesichts heutiger Bedrohungszenarien zu bestehen und dabei den Mut nicht zu verlieren. Vielleicht können sie uns sogar helfen, Mut zu fassen und einen neuen Weg zu finden. Jede Erschütterung, jedes Erschrecken versetzt uns ja nicht nur in Angst, sondern es bewegt uns auch, und bietet die Möglichkeit etwas zu verändern. Dafür steht auch die Geschichte von dem sinkenden Petrus, aus dem Matthäusevangelium. Sie erzählt von einer Krise und von einem Unwetter, von Angst und Erschrecken einerseits, wie von Mut und Tapferkeit andererseits. Und in dem Jünger Petrus führt sie uns einen Menschen zwischen Vertrauen und Zweifel vor Augen, einer der mutig vorangeht, aber der auch schnell wieder an Boden verliert und einbricht.

Ich möchte Ihnen die Geschichte in einer freien Nacherzählung vortragen. Jesus hatte ein Wunder vollbracht. Die Speisung der 5000 geschah am Nachmittag. Nun wollte Jesus alleine sein und beten. Er befahl seinen Jüngern schon voraus über den See zu fahren, während er selbst bis in den Abend hinein auf einem Berg blieb, um dort ganz für sich zu sein. Dann wurde es Abend. Die Jünger waren schon länger mit dem Boot unterwegs, als der Wind ihnen immer stärker entgegenblies. Es war dunkel, und der Wind legte zu. Sie mussten sich ganz schön in die Riemen legen. Sie kämpften mit dem starken Wellengang, so gut sie konnten. Der Wind forderte ihre ganze Kraft, aber er wollte einfach nicht aufhören. Langsam mögen sie begonnen haben sich zu fürchten. In der Dunkelheit ist jeder mit sich allein, keiner sieht mehr den anderen, und jeder ist allein mit sich und seiner Angst. Die Wellen türmen sich auf, und sie halten dagegen so gut sie können. Aber es wird immer schlimmer. Immer stärker weht der Wind und die Wellen spülen ins Boot hinein.

Dann in der Finsternis glauben sie eine Gestalt zu sehen. Sie erschrecken vor einem Gespenst, und es ist ja auch irgendwie gespenstig, der tosende Wind, und die brausenden Wellen, die Dunkelheit. Es ist wie die Kulisse für einen Horrorfilm, in dem hinter jeder Ecke Schlimmes lauert. Auch die Jünger mögen da mit allem gerechnet haben. Dass sie ein Gespenst sehen, ist nahe liegend, es passt sich nur zu gut, in die erschreckende Kulisse und in ihre Phantasie. Sie erschrecken und fürchten sich, und in ihrer Not ist kein Halten mehr, sie beginnen zu schreien.

Doch dann geschieht etwas Unerwartetes. Das vermeintliche Gespenst redet mit ihnen und es ist Jesus, der ihnen die Furcht nehmen will, und zu ihnen sagt: Seid getrost, ich bin’s doch. Fürchtet euch nicht!

An dieser Stelle könnte die Geschichte nun schon enden. Und im Markus- und im Johannesevangelium endet sie hier auch. Denn die Jünger sind jetzt schon gewissermaßen gerettet, und haben ihren Schrecken überwunden und das Vertrauen in Gott wiedergefunden. Sie könnten jetzt Gott preisen, und dankbar sein, für die Wunder die an ihnen geschehen sind. So wie wir dankbar sind, nach Krisen, die wir überstanden haben, oder Krankheiten, die wir überwunden haben. Es verbindet glaube ich, die Jünger mit uns, dass wir uns häufig auch bedroht fühlen, und den Tod vor Augen haben. Oder wir erleben uns ebenso unsicher und hilflos, wie die Jünger, die mit Wind und Wellen kämpfen. Manch einer mag sich da manchmal fragen, ob wir da je wieder heraus kommen, gesund an Leib und Seele? Ob wir das überstehen werden, ob unsere Beziehung das überstehen wird? Im Sturm des Lebens steht vieles auf dem Spiel, und es ist eben auch nicht sicher wie es ausgehen wird. Wir spüren angesichts von Wind und Wellen, wie stark wir sind, und worauf wir uns verlassen können, aber ab einem gewissen Punkt, wenn der Kampf aussichtslos erscheint, möchte man vielleicht nur noch die Augen schließen oder weglaufen. Ob uns da noch jemand halten kann? Ob uns etwas oder jemand tragen wird, wenn unsere Kräfte schwinden? So würden wohl auch wir nach Halt und Sicherheit Ausschau halten, wenn unsere eigenen Versicherungen und Kräfte uns verlassen. Das ist glaube ich auch der Moment, wo man nicht mehr recht zwischen Freund und Feind zu unterscheiden weiß, und die Hand nicht mehr vor Augen sieht. Deshalb ist es gar nicht so ungewöhnlich, dass die Jünger plötzlich ein Gespenst zu sehen glauben, denn unsicher darüber geworden ob es das Schicksal, ob es Gott mit ihnen gut meint, wissen sie auch nicht woran sie bei dieser Gestalt dort auf dem See dran sind. Ist sie gut, ist sie böse, kündigt sie ihren Untergang an, oder ist sie ihre ersehnte Rettung?

Ihre innere Anspannung wird erst aufgehoben, als sie eine vertraute Stimme hören, eine Stimme die sie kennen, und die ihnen Gutes verheißt und die Angst nimmt. Da erkennen sie, dass Jesus auf sie zukommt, auch wenn ihnen der Schock noch in den Gliedern sitzt. Damit beginnt sich endlich ihr Schicksal zu wenden, und Jesus könnte zu ihnen ins Boot steigen, und gemeinsam könnten sie ans andere Ufer fahren. Die Angst und die Zweifel könnten vergessen werden, und auf die Welt und auf Gott wäre wieder Verlass, Gott sei Dank! Wir wären mit unserer Angst nicht alleine geblieben, sondern hätten erfahren, dass sich Gott auch in den Krisen des Lebens zeigt, und mit uns gewissermaßen im Boot ist, und uns auch über Wellen und Wind hinaus begleitet, und nicht zuletzt an uns festhält.

Doch ganz so schnell geht das jetzt doch nicht. Der Evangelist Matthäus zögert das glückliche Ende noch etwas hinaus, und erteilt seinem Lieblingsjünger Petrus, aber wohl auch uns noch eine Lehrstunde. Petrus nämlich möchte es genau wissen, mit wem er es hier zu tun hat. Wenn es Jesus sei, dann wolle er zu ihm übers Wasser kommen.

Das wäre dann wohl so etwas wie der Beweis dafür, dass es wirklich Jesus ist und kein Gespenst oder irgendeine Illusion. Jedenfalls legt Petrus sich das so zurecht und glaubt von der Macht Christi, auf seine eigenen Kräfte und Fähigkeiten schließen zu können. Er läuft also los übers Wasser, bis ihm der Wind heftig ins Gesicht bläst und er sich nicht mehr halten kann und ins Wasser sinkt. Dann schreit auch er in seiner Not, „Herr hilf mir!“ Aber Jesus ist schnell zur Stelle und ergreift seine Hand und rettet ihn. Zum Schluss muss noch ein wenig Tadel sein, „warum hast du gezweifelt, du Kleingläubiger?“ Ja, warum hat Petrus gezweifelt, ich bin mir nicht sicher ob er darauf etwas zu sagen gewusst hat. Ich kann mir aber vorstellen, dass er vielleicht gedacht hat, ich habe mich wohl überschätzt. Ich wollte ja, aber dann war der Wind so stark. Ich dachte, ich würde das schaffen, aber dann verließ mich der Mut. Und wer weiß, was Petrus noch so alles zu seiner Entschuldigung angeführt hätte. Ich hätte diese Argumente gut nach vollziehen können, denn wer verschätzt sich nicht schon mal, und muss dann am Ende kleinere Brötchen backen als gedacht. Irgendwie ragt Petrus aus der Masse der Jünger heraus, und er mag sich auch in dieser Rolle gefallen haben, als Anführer und Wortgeber, als Erster unter Gleichen, aber auch er ist nur ein Mensch, und sein Glaube hat Grenzen, wie der aller anderen auch. Petrus steht für Glauben und Festigkeit, so wird er uns über die Jahrhunderte hinaus geschildert, als Fels des Glaubens und der Kirche, hier aber erfahren wir, dass es mit seinem Glauben auch nicht so weit her ist, und dass er genauso bedürftig ist, wie seine Jüngerkollegen auch. Wir könnten nun lamentieren und sagen, na ja, der Petrus ist eben auch nicht besser als anderen auch, und letztlich auch nicht besser als wir, aber das wollte Jesus mit seinem Tadel wohl gerade nicht erreichen. Es geht nicht darum einen Menschen klein zu machen, dafür sorgen schon die Umstände, der Sturm und die Wellen und oft genug auch die eigenen Selbstzweifel. Glauben und Vertrauen ist nichts, was wir einfach so hätten, und auch für alle Zeit. Sondern Glauben wird erprobt, solange wir leben, im Auf und Ab der Welt. Insofern ist das Bild von Wind und Wellen richtig gewählt. Wir werden geschaukelt und geschüttelt. Und Vertrauen bildet sich heraus, auch da wo es kräftig geschüttelt wird. Jesus traut Petrus zu übers Wasser zu laufen, aber Petrus traut sich selber wohl nicht so recht. Manchmal ist eben der Zweifel stärker. Dann ist es gut, wenn uns jemand an die Hand nimmt und für Sicherheit sorgt, und das ist auch gut so. Wenn es nur auf unseren Glauben ankommen würde, dann würde es glaube ich hinten und vorne nicht reichen. Wenn wir zurückblicken, auf die Gefahren und Nöte, die wir in unserem Leben vielleicht schon überstanden haben, dann werden wir vielleicht sagen können, alleine hätte ich das nicht geschafft, oder anders formuliert, ich weiß gar nicht mehr, wie ich das eigentlich geschafft habe. Auf diese Weise mögen wir das geheimnisvolle, und ebenso unerforschliche wie erfreuliche Wirken Gottes in unserem Leben umschreiben, so wie Petrus, der unterzugehen droht, und den dann eine Hand ergreift und festhält. Dass es die Hand Gottes war, wird ihm wohl wie vielen erst später aufgegangen sein. Amen.