Predigten

Trauerarbeit am Karfreitag

Heute wird wieder die Geschichte von der Kreuzigung Jesu erzählt. Wir erfahren, wie das war, als Jesus sein Kreuz auf sich nehmen musste, und dann starb. Es war schrecklich. Nicht nur ein Tod, sondern sogar eine Hinrichtung, und wenn man so will eine Art Mord. Wir fragen uns sicher, wie es dazu kommen konnte, und versuchen die Gründe dafür zu finden.

Ich nehme an, die Menschen damals, die Jünger Jesu aber auch all die anderen, denen Jesus begegnet war, machten sich Gedanken und legten sich zurecht, was passiert war, und wie es soweit kommen konnte. Das ist ja immer so, wenn ein Mensch stirbt, dann fragen wir uns, warum das geschieht, und ob es nicht schon vorher irgendwelche Anzeichen dafür gegeben hat, die wir einfach ignoriert haben. Manchmal entdecken wir dann im Nachhinein irgendwelche Zeichen, die auf eine Krankheit hinweisen, oder Worte, die wir erst zu spät verstehen konnten.

So ähnlich ist es auch mit der Geschichte von der Kreuzigung Jesu. Erst im Nachhinein haben die Menschen sie verarbeiten können. Sie haben versucht den Tod Jesu zu fassen, und damit wie auch immer zu interpretieren. Wenn man so will, könnte man auch sagen, sie haben Trauerarbeit geleistet, und ihre Trauer und ihren Schmerz in Worte gefasst, die uns bis heute überliefert sind und begleiten. Es ist ja heute wie damals gleich. Im ersten Moment, kann man den Tod überhaupt nicht begreifen. Es fehlen einem schlicht die Worte, und außer Tränen, oder schweigender Apathie bekommt man nichts heraus. In dieser Schockphase ist guter Rat teuer und wir müssen erstmal an uns heranlassen, was wirklich passiert ist. Immer und immer wieder müssen wir den Gedanken an uns heranlassen, dass nun nichts mehr so sein wird, wie vorher. Die Realität des Todes lässt sich nicht auf einmal fassen. Erst im Laufe der Zeit, vermögen wir uns langsam darauf einzulassen, und beginnen zu akzeptieren, was wir meistens nicht verstehen können.

Ich kann mir vorstellen, dass es den Anhängern Jesu ähnlich gegangen ist. Zuerst jedenfalls musste die Schockstarre überwunden werden, ehe auch nur an weiterführende Perspektiven zu denken war. Die Evangelien betonen ja oft, wie oberflächlich die Jünger, über die Todesankündigungen Jesu hinweggegangen sind. Es scheint so als hätten sie davon nichts hören wollen. Ich stelle mir das als eine Art Hype vor, bei dem man sich von nichts stören lassen will, und sich die gute Laune, nicht durch Miesmacher verderben lassen will. Insofern hat wohl im Vorfeld keiner ernsthaft mit dem Tod Jesu gerechnet. Im Gegenteil, die Jünger hatten Großes vor, und nicht zuletzt Jesus hatte immer wieder Großes angekündigt. Ein neues Zeitalter sollte beginnen, und die Jünger wollten darin eine gewichtige Rolle spielen.

Doch es sollte anders kommen. Und jeder einzelne musste erleben, wie seine oder ihre persönlichen Hoffnungen und Wünsche, zerstoben.

Der Tod Jesu machte ihnen gewissermaßen einen Strich durch die Rechnung, so dass sie so arm und hoffnungslos dastanden, wie vielleicht zuvor. Nein, den Tod hatte niemand auf der Rechnung, und das obwohl Jesus sich natürlich auch Feinde gemacht hatte, mächtige Feinde, die schließlich alle Hebel und Mittel in Bewegung gesetzt hatten, ihn aus dem Weg zu räumen. Wie das so ist, aus Sorge um die eigenen Privilegien hatte das Establishment der damaligen Gesellschaft beschlossen, der Jesusbewegung die Luft aus den Segeln zu nehmen, und die Schlange am Kopf zu erwischen. So gesehen, war für sie der Tod Jesu eine logische Konsequenz seiner wie auch immer aufrührerischen Botschaft, die zu Handeln Anlass gab. Eine Botschaft, die die öffentliche Ordnung gefährdete und nicht zuletzt Gott lästerte. Von daher ergab auch der Tod Jesu einen Sinn, jedenfalls für diejenigen, die ihn verfechtet und ausgeführt haben. Die Bibel berichtet ja an einigen Stellen ausführlich davon, wie über Jesus Gericht gehalten wurde, und wie die Tötungsabsicht des Hohen Rates zusammen mit Pilatus immer konkretere Gestalt annahm.

Doch wenn ich es richtig sehe, dann ist das eher eine rationale Sichtweise der Dinge, die den äußeren Ablauf des Prozesses um Jesus von Nazareth gesellschaftspolitisch beschreibt. Wir bekommen erzählt, warum bestimmte Kreise Jesus los werden wollten und wie sie es schließlich geschafft haben.

Was sein Tod für alle anderen bedeutete, erfahren wir dadurch aber noch lange nicht. Wie gesagt, am Anfang stand der Schock über den Tod Jesu, der das Ende von so vielem bedeutet hätte. So wie ja der Tod immer etwas zunichtemacht, und etwas unwiederbringlich verloren geht. In unserem Schmerz über den Verlust beginnen wir zu klagen, vielleicht klagen wir uns auch selbst an, wir hätten besser aufpassen müssen, wir hätten uns mehr kümmern müssen, und manchmal überkommen uns Schuldgefühle und wir machen uns Gedanken darüber, was wir alles falsch gemacht haben. In der Bibel sind es Petrus und Judas, die in ihrer Trauer ins Grübeln kommen. Hatte Petrus, Jesus nicht mehrmals verleugnet, und wollte, komme, was da wolle, nicht von seiner Seite weichen? Und Judas, er hatte Jesus verraten, und sein Vertrauen missbraucht. Aber wohl nicht des Geldes wegen, vielleicht wollte er Jesus herausfordern, von seiner Macht Gebrauch zu machen, und nun war er für seinen Tod mitverantwortlich. Nach dem Schock über den Tod Jesu begannen seine Freunde über die eigenen Anteile daran nachzudenken und in dem Schmerz darüber, den Schock zu verarbeiten. Es ist die Zeit der Aufrechnung und der Schuldzuweisung, aber auch des Schmerzes und der Niedergeschlagenheit. In Worte gefasst, erinnert es uns an die alte biblische Klage: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen.“

Erst langsam, nachdem wir des Verlustes gewahr geworden sind, beginnen wir zu suchen. Wir suchen nach dem Menschen, der uns verloren gegangen ist, meistens an den Orten, wo wir einander begegnet sind, wo wir gemeinsame Erlebnisse miteinander geteilt haben.

Wir erinnern uns an Gewohnheiten, und nicht selten kopieren wir sie, um auf diese Weise einander noch einmal nahe zu sein. Und wir beginnen wieder miteinander zu reden. In einer Art innerem Dialog, hören wir die Stimme des anderen, was er in dieser oder jener Situation sagen würde, und was er uns raten würde. Ein Dialog entspinnt sich, und wir spüren, immer mehr, dass wir nicht allein sind und dass es doch noch viel zu sagen gibt. Auch offene Fragen, mögen sich so mit der Zeit klären.

Für mich gehören in diese Zeit der Trauer, die Ostergeschichten. Denn sie erzählen davon wie die Jünger Jesu wiedersehen, wie sie einander wieder begegnen, wie sie sich suchen und finden, und gerade auch an den Orten wo einmal alles begann. Immer wieder wechseln Trauer und Zweifel, mit Mut und Hoffnung ab. Erst laufen die Jünger weg oder sie verstecken sich hinter dicken Mauern, bis die Begegnung mit dem Auferstandenen Trauer und Zweifel zu überwinden hilft. Es ist gut, seinem Schmerz Ausdruck zu verleihen, dann kann auch wieder Frieden einkehren. Und die Jünger selber können ihren Frieden machen. Sie wissen jetzt, wo Jesus jetzt ist, und wo er seinen Platz hat. Sie wissen ihn lebendig im Himmel, aber eben nicht zuletzt auch in ihrem Herzen. Und von da an erst, können sie die Geschichte Jesu neu erzählen, als eine Geschichte, die den Tod miteinschließt, ohne doch damit aufzuhören. Der Tod verändert alles. Und doch mündet die Auseinandersetzung damit, die Trauerarbeit, in einer neuen Geschichte. Sie ist es, die uns in den Evangelien in immer neuen Anläufen erzählt wird, nach dem die Jünger wieder Worte gefunden haben für das, was sie erlebt haben.

Der Tod Jesu bekommt dadurch einen Sinn. In der Erinnerung an seine Lebensweise, wird seine Güte herausgestellt, wenn etwa bei Lukas zu lesen ist, „vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Schuldgefühle und Rachegedanken, die ja naheliegend waren und sind, werden so begrenzt und Zukunft wird ermöglicht. Und auch der Tod selbst, so grausam er uns auch vor Augen geführt wird, verliert angesichts der beschriebenen demütigen Haltung Jesu seine Unerbittlichkeit: „In deine Hände, befehle ich meinen Geist.“ Was Jesus sagt, das ist das, was die Jünger glauben verstanden zu haben, was glaubten weitergeben zu müssen an uns. Dass der Tod Jesu, kein Betriebsunfall war, oder ein gemeiner Plan seiner Gegner, sondern das Jesus ihn akzeptiert hat, ohne anderen die Schuld dafür zu geben, ohne aufzurechnen. In diesem Sinne haben die Anhänger Jesu später seinen Tod erzählt, nicht um anzuklagen, sondern um neues Leben zu stiften.