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Warum glaubt der Mensch?

Der Spiegel: „Warum glaubt der Mensch … und warum zweifelt er? (Ausgabe Nr. 52 / 22.12.2012, S. 113 – 123)

Der Spiegel berichtet in seiner Weihnachtsausgabe von einem Wettkampf mit Kindern. „Mit Klettbällen sollten die Kindern auf eine Zielscheibe an der Wand werfen. Ein freundlicher Mann erklärte die Regeln. Dann verließ er unter einem Vorwand den Raum. Er komme gleich wieder, sagte er.
Kaum war er zur Tür hinaus, klebten die Kinder ihre Bälle ein wenig vom Mittelpunkt der Zielscheibe entfernt an. Damit es nicht so auffiel.
Ob die Kinder genauso geschummelt hätten, wenn ein Geist anwesend gewesen wäre?

Um das herauszufinden startete Psychologe Jesse Bering ein neues Experiment. Mit einer zweiten Gruppe Kinder startete er den gleichen Wettkampf mit einem Unterschied. Eine unsichtbare Prinzessin Alice sitze hier im Raum auf einem leeren Stuhl, und sie würde alle genau beobachten.
Interessant war es nun zu sehen, wie die Kinder sich unter den Augen der Prinzessin regelkonform verhielten und nach den vorgegebenen Regeln die Bälle warfen.
Allerdings nicht alle. Es gab auch Zweifler. „Mit Geistern könne man sie nicht einschüchtern.“ Doch allein im Zimmer mit dem leeren Stuhl, trauten sich viele doch nicht die Bälle zu werfen. Erst als sie den Stuhl genau untersuchten, wagten sie wieder zu schummeln.

Als Fazit schließt Psychologe Bering: „Wir tragen eine Art versteckte Kamera in uns, die uns an selbstsüchtigem Verhalten hindert.“ Die Evolution habe den Glauben an höhere Wesen hervorgebracht, weil er von Vorteil gewesen sei. Die Religion sei eine „nützliche Illusion“.

Dazu ein paar Gedanken und Denkanstöße:

Immerhin Religion erweist sich als nützlich. Sie hilft das Gemeinwohl aufzubauen und zu stabilisieren. Sie sorgt für Verlässlichkeit und für Integration gerade auch von Fremden, Gästen, Außenstehenden.
Religion hat eine Funktion innerhalb der Evolution, in dem sie den Selbstbehauptungstrieb der Menschen zumindest zügelt und gemeinschaftsverträglich gestaltet. Ähnliches leisten allerdings in modernen Gesellschaften auch Vereine und Parteien, bzw. öffentliche Events.
Es ist sicher wichtig hervorzuheben, dass Religionen eine gemeinschaftsstiftende Funktion haben und nützlich sind, andererseits reicht das m. E. nicht aus ihre Entstehung bzw. ihren Fortbestand zu erklären.
In den Religionen spiegelt sich unsere Angst genauso wie unser Vertrauen, von Mächten abhängig zu sein, die wir weder verstehen noch begreifen können. Wir ahnen, dass es etwas Größeres gibt, als unser eigenes Leben und dass wir selbst nur teilhaben, an etwas, dass wir nur bestaunen und manchmal auch fürchten können.
Wie man Gott dabei verstehen mag, oder das Göttliche, ist in den Religionen durchaus verschieden gelöst worden. Und jedes Gottesbild sagt mehr über die Menschen, die daran glauben aus, als über den vermeintlichen Gott selbst. Insofern sehe ich Gott gewiss nicht als Kontrollfreak. Es geht in der Religion nicht um Verbote, sondern um Grenzen, die zu überschreiten uns teuer zu stehen kommt. Wir können Dinge tun, die wir nicht mehr gut machen können. Es geht, glaube ich nicht um‘s Schummeln, sondern um Dinge, die wir nicht mehr rückgängig machen können. Die Religionen schaffen dafür ein Bewusstsein und sie helfen zugleich damit überhaupt leben zu können, ohne zu verzweifeln.

Aufgeklärte Religionen sind reflexiv. Sie wissen, dass wir alle nur Worte machen für etwas, für das es eigentlich keine Worte gibt. Auch unsere Gottesdienste und Rituale sind gewissermaßen nur Hilfskonstruktionen für das, was keiner Struktur bedarf. Sie sind wie der leere Stuhl in dem Experiment mit den Kindern.

Zu dem leeren Stuhl fällt mir fast automatisch ein, dass auf diesem Stuhl bestimmt schon mal jemand saß, und auch wenn er im Moment leer erscheint, im nächsten Moment könnte er schon wieder besetzt werden. Ein leerer Stuhl ist also wirklich ein ziemlich geheimnisvolles Objekt, das viele Gedanken und Assoziationsketten in Gang bringt. Und um das Geheimnis und den Sinn des Lebens geht es in unseren Religionen.