Motto

Über meinen Beruf und mich

Meine Konfirmanden müssen sich immer mit einem Steckbrief vorstellen. Ich stelle mich also auch vor.

Dein Lieblingstier?

Ich mag Katzen und Eulen, Bären…

Dein leckerstes Essen?

Nudelgerichte, vegetarische Kost

Ein Buch, das du gelesen hast?

Der Herr der Ringe, Zauberberg, Schuld und Sühne

Deine Lieblingsmusik / Lieblingsband?

Mozart und Wagner, Grönemeyer, Supertramp, Queen, Robbie Williams

Wohin würdest du gerne mal verreisen?

nach Kanada und Alaska

Dein verrücktester Traum?

mit Warpgeschwindigkeit die Sterne vorbei fliegen sehen

Dein Größtes Ziel?

etwas den Menschen und der Welt zurückzugeben

Deine wildeste Aktion?

Nachtwanderungen und Abenteuerreisen

Dein Lebensmotto?

Sorget nicht, jeder Tag sorgt für das Seine

Was mir nicht gefällt

heimtückische und unehrliche Menschen, Umweltverschmutzung und Geldgier

Wie ich meinen Beruf als Pfarrer sehe:

Mein Pfarrer ist nicht näheversessen.

Er erträgt es, wenn ihn nicht alle mögen. Er erträgt es, dass die Konfirmanden nicht seine Freunde sind; dass die Gottesdienstgemeinde nicht seine große Familie ist. Je mehr er ein spiritueller Mensch ist und in der Tradition lebt, für die er steht, um so weniger ist er in seinem Selbstwertgefühl völlig dem Urteil seiner Gemeinde verfallen.

Mein Pfarrer ist seiner Gemeinde gegenüber mit der Tradition, die er vertritt, auch widerständig. Er ist hart im Beharren auf dieser Tradition, wenn auch weich und großzügig ihren verschiedenen Deutungen gegenüber. Er verzichtet auf den Glauben an die Einstimmigkeit dieser Tradition und er eröffnet Bedeutungsspielräume.

Mein Pfarrer ist kein Therapeut.

Er arbeitet nicht (hauptsächlich) an der psychischen Tiefe des Einzelnen. Wohl arbeitet er im Gespräch, in der Bibelarbeit und Predigt, im Religionsunterricht an der Bildung innerer Lebensmuster. Er arbeitet mit den Bildern der Tradition an der Vision und am Gewissen von Menschen.

Mein Pfarrer schätzt Techniken

nicht gering zugunsten von Spontaneität und intuitiver Zufälligkeit. Er ist genau, er ist pünktlich, er bereitet sich vor. Er hält sein eigenes Chaos nicht für Genialität. Er ist nicht so dumm, dass er Technik und Echtheit als Feinde betrachtet. Denn er weiß: Wer die Technik nicht schätzt, bleibt ans Klischee gefesselt, d. h. er macht nach kurzer Zeit immer wieder das Gleiche und bemerkt es nicht.

Mein Pfarrer ist ein Freigeist

mit einem hohen Sinn für prozedurale Regeln. Er will den Gottesdienst nicht familiarisieren. Er erschöpft sich nicht in kommunikativen Dauerkraftakten. Gottesdienst ist Öffentlichkeit und nicht Familie.

Mein Pfarrer ist ein nüchterner Mensch

und verzichtet auf die Herstellung von Betroffenheit und Klima. Er vermeidet jede Art von religiöser Schwüle und sagt in Freiheit und Trockenheit, was er studiert und was er zu sagen hat. Mein Pfarrer glaubt eher an das Studium als an seine unmittelbare Verbindung zum Heiligen Geist.

Mein Pfarrer ist nicht der Tugendbock der Gemeinde.

Ich erwarte von ihm nicht, dass er sicher und zweifelsverschont ist, nur weil er Pfarrer ist. Wohl erwarte ich, dass er seinen eigenen Zweifel nicht zum Maßstab dessen macht, was er predigt und lehrt. Er lehnt die nicht selten anzutreffende lustvolle Erschöpfung in den eigenen Glaubensschwierigkeiten ab.

Mein allerliebster Pfarrer liest täglich in der Bibel

und betet täglich, nicht weil er vor Glauben glüht, sondern weil es sein Beruf ist.

Meine allerliebste Pfarrerin

braucht im Gottesdienst nur etwa 30 % der Wortmenge, die in protestantischen Gottesdiensten üblich sind. Sie ist besonders sparsam mit dem Wort Gott.

Meine Pfarrerin ist kurz und formal

im Eingangs- und im Schlussgebet des Gottesdienstes. Sie mag ausführlicher sein in den Fürbitten. Aber auch dort weiß sie, dass sie endlich ist, und sie ist streng in der Form.

Meine Pfarrerin weiß, dass die geprägten Worte durchaus besser sind als ihre eigenen. Sie weiß, dass die Sprache eines Psalms Balsam ist, die unaufhörlich und im Übermaß benutzte eigene Sprache dagegen Essigsäure.

Meine Pfarrerin scheut keine Überraschungen im Gottesdienst, denn sie ist nicht Sklavin einer Ordnung. Sie nervt ihre Gemeinde allerdings auch nicht sonntäglichen Neuinszenierungen. Sie schützt die Ruhe der Wiederholung, und die Neuheit wird nicht zum Diktat.

Meine Pfarrerin meidet den theologischen Jargon, nicht weil er unverständlich ist, sondern weil er nicht schön ist. Sie geht zweimal im Jahr zu einer kritischen Freundin und lässt sich ihre Predigtsprache zerreißen und kommt blutend zurück.

Meine Pfarrerin ist keine Moralistin,

obwohl die Gemeinde so gerne moralische Pfarrerinnen hat. Sie ist politisch und kritisch auch in ihren Predigten. Aber sie schmiedet ihr Nein aus der Sehnsucht nach dem Ja. D. h. ihre Kritik besteht hauptsächlich im Aufweis einer anderen und besseren Lebensmöglichkeit. Helder Camara: „Lehre mich ein Nein sagen, das nach Ja schmeckt!“

Meine Pfarrerin hält keine Predigt,

die nur Psychologisch oder nur politisch wäre. Was sie sagt, kommt immer aus dem Grundgespräch mit jenem alten Buch und mit jener alten Tradition. Meine Pfarrerin ist allerdings fähig, mit dem Geist der Tradition diese Tradition anzugreifen.

Meine Pfarrerin hat eine Lehrerin,

zu der sie einmal im Jahr geht und mit der sie ihre Arbeit und ihr Leben überschaut. Sie verzichtet darauf, in allen Dingen ihre eigene Meisterin zu sein, und sie weiß: allein bist du klein!

Meine allerliebste Pfarrerin weiß,

dass die Erinnerung die Amme der Hoffnung ist. So spielt sie nicht herum mit dem Brot der Menschen. Sie gibt es weiter – treu und frei, aufsässig und demütig.

von Fulbert Steffensky