Predigten

Wiedersehen macht Freude

Johannesevangelium 16,16-23

Als ich den Predigttext gelesen habe, in dem Jesus von seinem Abschied spricht, musste ich an einen Slogan denken, der immer mal wieder zu hören ist. Sie kennen ihn bestimmt auch: „Wiedersehen macht Freude.“ Wenn ich an einen Freund ein Buch verleihe, liegt mir dieser Spruch auf den Lippen, aber ich verkneife es mir dann ihn auch auszusprechen, denn in diesem Zusammenhang klingt er doch ein wenig ironisch, wenn nicht sarkastisch, denn ich bringe damit zum Ausdruck, dass ich meinem „Freund“ wohl nicht so ganz traue, und an seiner Zuverlässigkeit zweifle.

Ernstgemeinter sind die Versuche in den Medien Menschen, die sich lange nicht gesehen haben wieder zusammen zu bringen. So gibt es z. B. eine Webseite mit dem Titel: „Wiedersehen macht Freude,“ die uns dabei helfen will alte Freunde wieder zu finden und zu treffen. Auch im Fernsehen gibt es eine Sendung unter dem gleichnamigen Titel, da geht es allerdings darum alte Bekannte aus Film und Fernsehen wieder zu präsentieren, Stars vielleicht von denen man schon länger nichts mehr gehört hat, und deren Lieder oder Filme man gerne einmal wiedersehen will.

Diese Beispiele zeigen schon, wie wichtig den meisten Menschen das Wiedersehen ist, und sie wecken nicht selten den Wunsch in uns, etwas oder jemanden wieder zu treffen, den man lange nicht mehr gesehen hat. Meistens geht es dabei um eine Freundschaft, die vielleicht lange zurückliegt und nicht entsprechend gepflegt wurde, aber es können auch Dinge sein, die man gerne noch einmal in der Hand halten möchte, oder Landschaften, die man gerne wiedersehen würde, wie etwa die Heimat von einst. Das Wiedersehen, so glaube, ich rührt uns an, es weckt starke Gefühle in uns, Freude ebenso wie Wehmut und Trauer. Wahrscheinlich gehört beides zusammen, so wie der Schmerz und das Glück. Jemanden wiederzusehen, ist meistens eine schöne Erfahrung, zumal wenn sie unerwartet geschieht, aber sie erinnert uns auch daran, dass wir etwas verloren hatten und vermissten.

Wiedersehen macht Freude. Der Musiker und Texter William Wahl fügt dieser Zeile noch hinzu: „Man sieht sich stets im Leben zweimal.“ Damit ist sicher nicht nur gemeint, dass man sich also mehr als einmal begegnet, im quantitativen Sinne, sondern auch qualitativ, begegnet man sich beim zweiten Mal in neuer Weise. Denn das kennen Sie bestimmt auch aus eigener Anschauung. Wenn man einen alten Bekannten, einen Schulkameraden nach vielen Jahren wieder sieht, die erste Liebe vielleicht oder einen Onkel aus Übersee, dann entdeckt man ja nicht nur wie nah man sich immer noch ist, in dem man in Erinnerungen schwelgt, sondern man fremdelt wahrscheinlich auch ein bisschen, und fragt sich, ist das wirklich noch derselbe von damals, mit dem man alle möglichen Streiche machen konnte?

Hat, er oder sie sich nicht doch völlig verändert, oder bin ich es der sich verändert hat? „Wiedersehen macht Freude. Man sieht sich stets im Leben zweimal.“

Mit diesen vorausgeschickten Gedanken erschließt sich mir auch viel leichter die Rede Jesu im Johannesevangelium. Als seine Jünger sich Gedanken darüber machen, was Jesus eigentlich vor hat und wo er hin will, bereitet Jesus sie auf seinen Abschied vor. Er spricht von einer kleinen Weile, und dass sie ihn nicht mehr sehen werden, ihn dann aber nach einer Weile wiedersehen werden. Wir wissen natürlich, dass damit sein Tod und seine Auferstehung gemeint sind, während im Johannesevangelium doch alles erst noch darauf zu läuft.

Wichtig ist mir aber an dieser Stelle, dass Jesus nicht nur irgendwie verklausuliert von seinem Tod und seiner Auferstehung spricht, sondern dass er auch die leibhaften Erfahrungen seiner Anhänger, heute wie damals mit anspricht und thematisiert. So hat er seine Jünger im Blick, die mit dem Abschiedsschmerz zu kämpfen haben, aber auch seine Anhänger, die ihn nicht leibhaft gesehen haben oder die an seiner Auferstehung gezweifelt haben, wie etwa der deshalb ungläubig genannt Thomas. Jesus spricht die Trauer und den Schmerz an, die durch seinen Verlust bei vielen Menschen ausgelöst wurden, aber auch aktuelle Trauer und Unsicherheiten in den christlichen Gemeinschaften. „Ihr habt nun Traurigkeit,“ sagt er, „aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen (V22).“ Auch hier ist es das Wiedersehen, das Freude auslösen soll. Es ist im Sinne Jesu der Grund für eine Freude, die Trauer und Schmerz vergessen machen wird. Als Beispiel nennt Jesus die Geburt eines Kindes. Wenn eine Frau ein Kind gebiert, hat sie Schmerzen, wenn das Kind aber auf die Welt gekommen ist, denkt sie nicht mehr an die Angst, um der Freude willen.

Sie spüren, liebe Gemeinde, wie sehr Jesus hier drauf und dran ist, den Menschen die Angst zu nehmen, oder auch die Traurigkeit. Wie das geht?, werden sie mich vielleicht fragen, wo wir doch alle wissen, dass das nicht so einfach ist, Traurigkeit in Freude zu verwandeln. Die Antwort darauf, liegt in der Erfahrung, die der Spruch „Wiedersehen macht Freude“ impliziert. Etwas wiederzusehen, was man verloren glaubte, weckt in den Menschen meistens Freude, und lässt dann auch den Verlust in einem neuen Licht erscheinen. Das Wiedersehen Jesu nach seiner Auferstehung, hilft den Jüngern über Traurigkeit und Schmerz hinweg, und schenkt ihnen einen neuen Anfang. Dieses Wiedersehen oder auch dieses zweite Sehen eröffnet den Jüngern eine neue Sichtweise der Dinge, eine Sichtweise, die Trauer in Freude verwandeln kann und dem Leben Sinn und Perspektive schenkt.

Und diese Freude, geht von dem oder der aus, den wir wiedergesehen, wiedergetroffen haben. Im Wiedersehen spüren wir, dass wir trotz aller Unterschiede einander doch noch immer nahe sind, über Raum und Zeit hinweg. Und dass all die Veränderungen, die das Leben in Freud und Leid mit sich gebracht hat, aufgehoben sind, in einer gemeinsamen Geschichte, in einer Freundschaft, im Vertrauen an einen gnädigen Gott und Vater. Insofern macht Wiedersehen allemal Freude. Amen.