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Wiedersehen macht Freude

Johannesevangelium 16,16-23

Als ich den Predigttext gelesen habe, in dem Jesus von seinem Abschied spricht, musste ich an einen Slogan denken, der immer mal wieder zu hören ist. Sie kennen ihn bestimmt auch: „Wiedersehen macht Freude.“ Wenn ich an einen Freund ein Buch verleihe, liegt mir dieser Spruch auf den Lippen, aber ich verkneife es mir dann ihn auch auszusprechen, denn in diesem Zusammenhang klingt er doch ein wenig ironisch, wenn nicht sarkastisch, denn ich bringe damit zum Ausdruck, dass ich meinem „Freund“ wohl nicht so ganz traue, und an seiner Zuverlässigkeit zweifle.

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Auf der Durchreise

Ein junger Mann reiste durch Polen und besuchte einen Rabbi, der für seine große Weisheit berühmt war.
Dieser Rabbi lebte in einer bescheidenen Hütte, die nur aus einem einzigen Raum bestand. Außer vielen Büchern, einem Tisch und einer Bank besaß er keine weiteren Möbel.
Der junge Mann fragte: „Sagen Sie Rabbi, wo sind denn ihre Möbel?“
„Wo sind denn ihre?“ fragte der Rabbi zurück.
„Meine?“ fragte der junge Mann überrascht. „Aber, ich bin doch nur auf der Durchreise!“
„Ich auch,“ antwortete der Rabbi „ich auch.“
jüdische Legende

Luthers theologische Einsicht

Unterdessen war ich in diesem Jahre von neuem daran gegangen, den Psalter auszulegen.21 Ich vertraute darauf, geübter zu sein, nachdem ich die Briefe des Paulus an die Römer,an die Galater und an die Hebräer in Vorlesungen behandelt hatte. Mit außerordentlicher Leidenschaft war ich davon besessen, Paulus im Brief an die Römer kennenzulernen. Nicht die Herzenskälte, sondern ein einziges Wort im ersten Kapitel (V. 17) war mir bisher dabei im Wege: »Die Gerechtigkeit Gottes wird darin (im Evangelium) offenbart.« Ich hasste nämlich dieses Wort »Gerechtigkeit Gottes«, weil ich durch den Brauch und die Gewohnheit aller Lehrer unterwiesen war, es philosophisch von der formalen oder aktiven Gerechtigkeit (wie sie es nennen) zu verstehen, nach welcher Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft.

Ich konnte den gerechten, die Sünder strafenden Gott nicht lieben, im Gegenteil, ich hasste ihn sogar. Wenn ich auch als Mönch untadelig lebte, fühlte ich mich vor Gott doch als Sünder, und mein Gewissen quälte mich sehr. Ich wagte nicht zu hoffen, dass ich Gott durch meine Genugtuung versöhnen könnte. Und wenn ich mich auch nicht in Lästerung gegen Gott empörte, so murrte ich doch heimlich gewaltig gegen ihn: Als ob es noch nicht genug wäre, dass die elenden und durch die Erbsünde ewig verlorenen Sünder durch das Gesetz des Dekalogs mit jeder Art von Unglück beladen sind – musste denn Gott auch noch durch das Evangelium Jammer auf Jammer häufen und uns auch durch das Evangelium seine Gerechtigkeit und seinen Zorn androhen? So wütete ich wild und mit verwirrtem Gewissen, jedoch klopfte ich rücksichtslos bei Paulus an dieser Stelle an; ich dürstete glühend zu wissen, was Paulus wolle.

Da erbarmte sich Gott meiner. Tag und Nacht war ich in tiefe Gedanken versunken, bis ich endlich den Zusammenhang der Worte beachtete: »Die Gerechtigkeit Gottes wird in ihm (im Evangelium) offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben.« Da fing ich an, die Gerechtigkeit Gottes als eine solche zu verstehen, durch welche der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich aus dem Glauben. Ich fing an zu begreifen, dass dies der Sinn sei: durch das Evangelium wird die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott durch den Glauben rechtfertigt, wie geschrieben steht: »Der Gerechte lebt aus dem Glauben.« Da fühlte ich mich wie ganz und gar neu geboren, und durch offene Tore trat ich in das Paradies selbst ein. Da zeigte mir die ganze Schrift ein völlig anderes Gesicht. Ich ging die Schrift durch, soweit ich sie im Gedächtnis hatte, und fand auch bei anderen Worten das gleiche, z.B.: »Werk Gottes« bedeutet das Werk, welches Gott in uns wirkt; »Kraft Gottes« – durch welche er uns kräftig macht; »Weisheit Gottes« – durch welche er uns weise macht. Das gleiche gilt für »Stärke Gottes«, »Heil Gottes«, »Ehre Gottes«.

Mit so großem Hass, wie ich zuvor das Wort »Gerechtigkeit Gottes« gehasst hatte, mit so großer Liebe hielt ich jetzt dies Wort als das allerliebste hoch. So ist mir diese Stelle des Paulus in der Tat die Pforte des Paradieses gewesen. Später las ich Augustins Schrift »Vom Geist und vom Buchstaben«,23 wo ich wider Erwarten darauf stieß, dass auch er »Gerechtigkeit Gottes« in ähnlicher Weise auslegt als eine Gerechtigkeit, mit der Gott uns bekleidet, indem er uns gerecht macht. Und obwohl dies noch unvollkommen geredet ist und nicht alles deutlich ausdrückt, was die Zurechnung betrifft, so gefiel es mir doch, dass (hier) eine Gerechtigkeit Gottes gelehrt werde, durch welche wir gerecht gemacht werden.

Martin Luther: Vorrede zu Band I der lateinischen Schriften der Wittenberger Luther-Ausgabe (1545). Martin Luther: Gesammelte Werke, S. 1081

In den Himmel kommen

An Christi Himmelfahrt, erinnern wir uns daran, wie Christus in den Himmel aufgenommen wurde. Im Glaubensbekenntnis heißt es entsprechend: „aufgefahren in den Himmel.“ Aber das ist noch nicht alles. Nach dem „aufgefahren in den Himmel,“ heißt es weiter: „Er sitzt zur Rechten Gottes, des Allmächtigen Vaters“, und „von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“ Damit wäre dann auch die Frage beantwortet, was Christus im Himmel macht und warum wir uns in unseren Gebeten auch immer an den Himmel wenden. Weil wir nämlich in unserem Glauben darauf hoffen, einen Weg in den Himmel gebahnt zu bekommen.

Wenn man darüber nachdenkt, dann ist der Himmel in vielen Religionen so etwas wie eine Alternative zur normalen sichtbaren Wirklichkeit. In dem Online-Lexikon Wikipedia heißt es: „Himmel ist in vielen Religionen eine Sphäre, die alternativ zur empirischen Wirklichkeit übernatürliche Wesen, Erscheinungen oder Götter beheimatet. Außerdem kann dies ein Ort sein, an dem das jenseitige Leben gelebt wird und an dem die Götter oder der Gott ihre Heimat haben.“

Das trifft sich mit unseren Vorstellungen von der Himmelfahrt Jesu, wie er vor den Augen seiner Jünger von einer Wolke umschattet aufgehoben wurde in den Himmel, um dann dort im Thronsaal Platz zunehmen. Und wenn wir darauf hoffen, dereinst nach unserem Tode in die himmlischen Wohnungen aufgenommen zu werden, dann wird der Himmel in diesem Sinne tatsächlich der Ort, an dem das jenseitige Leben stattfinden könnte. Das allerdings näher auszumalen, ist unsere Sache nicht. Das wollen wir doch der Gnade Gottes überlassen.

Der Himmel, und was wir damit verbinden; in immer neuen Wendungen wird er beschworen, und was er für uns bedeuten könnte. Und manchmal bietet er sogar Stoff für einige Witze, wie diesen zum Beispiel, der zum heutigen Vatertag auch nicht ganz unpassend ist: „Warum kommen nur 10% aller Männer in den Himmel? Wenn alle reinkommen würden, dann wäre es die Hölle.“ – Auch wenn viele Menschen, nicht so recht wissen, was es mit dem Fest der Himmelfahrt so auf sich hat, über den Himmel können alle reden, oder vielleicht sollte ich besser sagen singen.

Der Popmusiker Herbert Grönemeyer spricht sich in seinem Lied: „Ein Stück vom Himmel“ für mehr religiöse Toleranz aus, die Band Silbermond möchte, dass „der Himmel aufreißt“ und auch in dem gleichnamigen Film „der Himmel über Berlin“ von Wim Wenders, spielt der Himmel als bedeutungsvolle Metapher die Hauptrolle. Der Himmel als geheimnisvoller Ort, gehört den Engeln, die wiederum unsichtbar, den Menschen Lebensmut spenden sollen.

Früher hat man versucht die Himmelfahrt Jesu anschaulich zu gestalten. In manchen Kirchen Süddeutschlands hatte man eine Christusfigur mit Stricken befestigt in die Höhe gezogen. Während das uralte Lied: „Christ fuhr gen Himmel“ angestimmt wurde, schwebte die Christusfigur umgeben von Weihrauchdämpfen in die Höhe.

Dann oben angekommen, erschienen auf der Empore zwei in weiß gekleidete Engel, die der versammelten Gemeinde verkündigten, dass der Hinaufgefahrene am Ende der Zeit wiederkehren würde. Manchmal indessen riss auch der Strick entzwei, und dann musste improvisiert werden. Jedenfalls haben sich die Menschen auch schon damals redlich bemüht, die Geheimnisse des Glaubens zu visualisieren, wie wir heute sagen würden.

Allerdings schauen wir heute anders in den Himmel als die Menschen vergangener Jahrtausende. Wir denken dabei weniger an Engel oder Dämonen, an himmlische Reiche oder Wolkenschlösser, viel eher an die nächste Fernreise, mit dem Flugzeug natürlich. Gott dort oben zu vermuten ergibt für uns heute kaum noch Sinn. Der Himmel als geografischer Raum bietet jedenfalls für Gott keinen ausfüllbaren Platz mehr. So sehr hat sich unser Weltbild durch Wissenschaft und Technik über die Jahrhunderte verändert.

Doch die Erfahrung von etwas Heiligem, von Schönheit und Erhabenheit, die uns anrühren und bewegen, lässt uns den Himmel und das was er verspricht, immer noch suchen. Gerade an den Grenzen des Lebens bekommen wir ein Gefühl für die Unendlichkeit des Himmels, für die Ewigkeit, die unser irdisches und endliches Leben umfängt.

Diese Erfahrung zur Sprache zu bringen ist die Aufgabe unserer Religion. Sprache und symbolische Umschreibungen zu finden, für etwas, das eigentlich gar nicht in Worte zu fassen ist und unseren Verstehenshorizont übersteigt. Und das treffendste Symbol dafür ist glaube ich, „der Himmel“. Denn der Himmel ist nah und fern zugleich. Er ist immer da, auch wenn ich ihn nicht wahrnehme und vor mir sehe. Er ist vor uns und hinter uns und über allem. Er ist allgegenwärtig und scheinbar zum Greifen nahe, und doch unfassbar und weit.

Diese Vorstellungen könnten auch den Philosophen Immanuel Kant inspiriert haben, als er über die Dimension religiöser Erfahrung in seiner „Kritik der praktischen Vernunft“ formulierte: „Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir, und das moralische Gesetz in mir.“

Die Unendlichkeit des Himmels und die menschliche Fähigkeit zur Güte sind also laut Kant die Grundbedingungen religiösen Empfindens, das sich nicht begründen lässt, aber erfahren. Insofern lässt sich über Gott im Himmel nicht rational nachdenken, aber was es damit auf sich haben könnte, beginnen wir mehr zu ahnen als zu verstehen, mehr zu fühlen als zu begreifen.

In der antiken Welt nahm man die Sache noch gegenständlich. Da überspannte der Himmel wie ein Zelt die flache Erdscheibe. Über dem Firmament, also dem sichtbaren Himmel, befand sich die Sphäre Gottes, die dem menschlichen Auge meistens verschlossen blieb. Dort leben auch die Engel und der Teufel musste eigens von dort verbannt werden. An der höchsten Stelle aber wurde der Thron Gottes vermutet. Oft wurde der Himmel sogar noch weiter eingeteilt. Der Apostel Paulus spricht z. B. von drei Ebenen, wobei die göttliche natürlich ganz oben angesiedelt ist. Der Himmel ist also auch biblisch, die Sphäre Gottes, in der das Böse besiegt ist und Gott alles in allem ist. Insofern nimmt der Himmel vorweg, was auf Erden noch werden muss: Gerechtigkeit und Friede.

Wie aber kommt man in den Himmel? Wir sprechen ja immer wieder davon und überlegen hin und her. Vor dem Hintergrund einer strikten Unterscheidung von Himmel und Erde, von Gut und Böse, gab es zu allen Zeiten strenge Zugangsbedingungen, die den Eintritt in den Himmel regeln sollten. Meistens war ein untadliger und frommer Lebenswandel die Voraussetzung dafür in den Himmel zu kommen. Nicht zuletzt um die eigene Autorität zu erhalten, taten die verschiedenen Kirchen einiges dazu, die Latte hochzuhalten und damit den Zugang zum Heil auf die Auserwählten und Würdigen zu beschränken.

Jesus selber hingegen, hatte diese strikte Trennung zwischen Himmlischem und Irdischem so nicht mitgemacht. Er hatte sie in gewisser Weise aufgehoben, etwa in dem er davon sprach, dass das Himmelreich mitten unter den Menschen sei. In seinen Gleichnissen deutete er an, dass das Reich Gottes, und damit der Himmel, die Sphäre Gottes, einem Senfkorn gleich oder so wie der Sauerteig, schon im Keimen und Wachsen sei. Später haben christliche Mystiker formuliert, „der Himmel ist in dir. Suchst du Gott anderswo, du fehlst ihn für und für. (Angelus Silesius, 1657). Diesem Sinn nach fängt der Himmel vor unserer Haustür an und unser eigenes Leben ist der Anknüpfungspunkt des Göttlichen: „ein Stück vom Himmel.“

Das Leben des Menschen ist ein Weg, den wir ablaufen, um den Himmel zu finden. Den Himmel vermuten wir außerhalb von uns, und doch liegt er in uns. Der Himmel, der wirkliche Himmel ist in dir. „halt an, wo laufst du hin?“ – Deine Bestimmung, deinen Himmel, wo suchst du ihn? Wo Gott? Er ist nicht anderswo. Er ist in dir. Wo sonst?

„Du Fauler,“ schreibt Augustin, „steh auf! Der Weg kommt selbst zu dir und weckt dich aus dem Schlaf! Wenn er dich noch wachmachen kann! Steh auf und gehe!“ Das Reich Gottes, das Reich der Himmel ist mitten unter euch. Amen.

Eine Maus in der Suppe

Maus in der Suppe

Für die Mönche bietet das gemeinsame Mittagessen eine gute Möglichkeit für die tägliche Schulung in Aufmerksamkeit. So steht in der Regel des Heiligen Benedikt, dass man nie selber um etwas bittet, sondern immer darauf zu achten hat, was ein Nachbar braucht. Dass diese Regel nicht nur das Mitgefühl schult, sondern manchmal auch den Verstand, zeigt folgende Geschichte.

Ein Mönch isst seine Suppe und sieht, dass eine Maus in seinen Napf gefallen ist. Was soll er tun? Er soll ja auf die Bedürfnisse seines Nachbarn und nicht auf seine eigenen achten. So behilft er sich damit, den bedienenden Mönch zu rufen und ihn darauf hinzuweisen: „Mein Nachbar hat keine Maus bekommen.“

Bruder Staub

Für Bruder David ist selbst das Abstauben seiner wenigen Möbel in der Einsiedelei ein liebkosendes Berühren. Die jungen Mönche im Kloster, erzählt er, die mit dem Saubermachen beauftragt wurden, wollten das praktisch, schnell und gründlich hinter sich bringen.

„So geht das nicht. Wenn ihr den Besen in der Hand habt, soll die Hand zum Staub sagen: Verzeih, aber du bist zurzeit am falschen Platz. Erlaube, dass wir dir weiterhelfen, wo du hingehörst, rügte sie der Meister. Wer lernt, so mit dem Staub umzugehen, der ist auch achtsam mit sich selbst und seinen Mitmenschen gegenüber.

Sieben Weltwunder

DIE SIEBEN WELTWUNDER

Eine Schulklasse wurde gebeten zu notieren, welches für sie die Sieben Weltwunder wären.

Folgende Rangliste kam zustande:

  1. Pyramiden von Gizeh
  2. Taj Mahal
  3. Grand Canyon
  4. Panamakanal
  5. Empire State Building
  6. Peters Dom im Vatikan
  7. Grosse Mauer China

Die Lehrerin merkte beim Einsammeln der Resultate, dass eine Schülerin noch am Arbeiten war.

Deshalb fragte sie die junge Frau, ob sie Probleme mit ihrer Liste hätte.

Sie antwortete: „Ja. Ich konnte meine Entscheidung nicht ganz treffen.

Es gibt so viele Wunder.“

Die Lehrerin sagte:

„Nun, teilen Sie uns das mit, was Sie bisher haben und vielleicht können wir ja helfen.“

Die junge Frau zögerte zuerst und las dann vor.

„Für mich sind das die Sieben Weltwunder:

  1. Sehen
  2. Hören
  3. sich Berühren
  4. Riechen
  5. Fühlen
  6. Lachen …
  7. … und Lieben

Im Zimmer wurde es ganz still.

Diese alltäglichen Dinge, die wir als selbstverständlich betrachten und oft gar nicht realisieren, sind wirklich wunderbar. Die kostbarsten Sachen im Leben sind jene, die nicht gekauft und nicht hergestellt werden können.

Die drei Siebe

DIE DREI SIEBE

Zum weisen Sokrates kam einer gelaufen und sagte: „Höre Sokrates, das muss ich dir erzählen!“

„Halte ein!“ – unterbrach ihn der Weise, „Hast du das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe gesiebt?“

„Drei Siebe?“, frage der andere voller Verwunderung.

„Ja guter Freund! Lass sehen, ob das, was du mir sagen willst, durch die drei Siebe hindurchgeht: Das erste ist die Wahrheit. Hast du alles, was du mir erzählen willst, geprüft, ob es wahr ist?“

„Nein, ich hörte es erzählen und…“

“ So, so! Aber sicher hast du es im zweiten Sieb geprüft. Es ist das Sieb der Güte. Ist das, was du mir erzählen willst gut?“

Zögernd sagte der andere: „Nein, im Gegenteil…“

„Hm…“, unterbracht ihn der Weise, „So lass uns auch das dritte Sieb noch anwenden. Ist es notwendig, dass du mir das erzählst?“

„Notwendig nun gerade nicht…“

„Also“ sagte lächelnd der Weise, „wenn es weder wahr noch gut noch notwendig ist, so lass es begraben sein und belaste dich und mich nicht damit.“

Zuerst die großen Steine

WAS SIND DIE WICHTIGEN DINGE IN DEINEM LEBEN?

 

Eines Tages hält ein Zeitmanagementexperte einen Vortrag vor einer Gruppe Studenten, die Wirtschaft studieren. Er möchte ihnen einen wichtigen Punkt vermitteln mit Hilfe einer Vorstellung, die sie nicht vergessen sollen. Als er vor der Gruppe dieser qualifizierten angehenden Wirtschaftsbosse steht, sagt er: „Okay, Zeit für ein Rätsel“.

Er nimmt einen leeren 5-Liter Wasserkrug mit einer sehr großen Öffnung und stellt ihn auf den Tisch vor sich. Dann legt er ca. zwölf faustgroße Steine vorsichtig einzeln in den Wasserkrug. Als er den Wasserkrug mit den Steinen bis oben gefüllt hat und kein Platz mehr für einen weiteren Stein ist, fragt er, ob der Krug jetzt voll ist. Alle sagen: „Ja“. Er fragt: „Wirklich?“ Er greift unter den Tisch und holt einen Eimer mit Kieselsteinen hervor. Einige hiervon kippt er in den Wasserkrug und schüttelt diesen, sodass sich die Kieselsteine in die Lücken zwischen den großen Steinen setzen.

Er fragt die Gruppe erneut: „Ist der Krug nun voll?“ Jetzt hat die Klasse ihn verstanden und einer antwortet: „Wahrscheinlich nicht!“ „Gut!“ antwortet er. Er greift wieder unter den Tisch und bringt einen Eimer voller Sand hervor. Er schüttet den Sand in den Krug und wiederum sucht sich der Sand den Weg in die Lücken zwischen den großen Steinen und den Kieselsteinen. Anschließend fragt er: „Ist der Krug jetzt voll?“ „Nein!“ ruft die Klasse. Nochmals sagt er: „Gut!“

Dann nimmt er einen mit Wasser gefüllten Krug und gießt das Wasser in den anderen Krug bis zum Rand. Nun schaut er die Klasse an und fragt sie: „Was ist der Sinn meiner Vorstellung?“ Ein Angeber hebt seine Hand und sagt: „Es bedeutet, dass egal wie voll auch dein Terminkalender ist, wenn du es wirklich versuchst, kannst du noch einen Termin dazwischen schieben“. „Nein“, antwortet der Dozent, „das ist nicht der Punkt. Die Moral dieser Vorstellung ist: Wenn du nicht zuerst mit den großen Steinen den Krug füllst, kannst du sie später nicht mehr hineinsetzen. Was sind die großen Steine in eurem Leben? Eure Kinder, Personen, die ihr liebt, eure Ausbildung, eure Träume, würdige Anlässe, Lehren und Führen von anderen, Dinge zu tun, die ihr liebt, Zeit für euch selbst, eure Gesundheit, eure Lebenspartner? Denkt immer daran, die großen Steine ZUERST in euer Leben zu bringen, sonst bekommt ihr sie nicht alle unter. Wenn ihr zuerst mit den unwichtigen Dingen beginnt, dann füllt ihr euer Leben mit kleinen Dingen voll und beschäftigt euch mit Sachen, die keinen Wert haben und ihr werdet nie die wertvolle Zeit für große und wichtige Dinge haben.“

Heute Abend oder morgen Früh, wenn du über diese kleine Geschichte nachdenkst, stelle dir folgende Frage: Was sind die großen Steine in deinem Leben? Wenn du sie kennst, dann fülle deinen Wasserkrug zuerst damit.

Der Mensch

Der Mensch

Matthias Claudius 1783

Empfangen und genähret
Vom Weibe wunderbar,
Kömmt er und sieht und höret
Und nimmt des Trugs nicht wahr;
Gelüstet und begehret,
Und bringt sein Tränlein dar;
Verachtet und verehret,
Hat Freude und Gefahr;
Glaubt, zweifelt, wähnt und lehret,
Hält nichts und alles wahr;
Erbauet und zerstöret,
Und quält sich immerdar;
Schläft, wachet, wächst und zehret;
Trägt braun und graues Haar etc.
Und alles dieses währet,
Wenn’s hoch kommt, achtzig Jahr.
Dann legt er sich zu seinen Vätern nieder,
Und er kömmt nimmer wieder.

Schlüssel zum Paradies

Liebe Gemeinde, vielleicht erinnern sie sich noch, früher wurde oft die Tür zum Wohnzimmer, in dem der Weihnachtsbaum stand, zugeschlossen, so dass den Kindern nichts anders übrigblieb, als zu warten bis das Glöckchen ertönte, und sie endlich eintreten konnten. Das geschah dann am Heiligen Abend, so wie vielleicht heute Abend auch hier bei uns. Wer es nicht abwarten konnte, und wer konnte das schon, erheischte vielleicht schon vorher einen Blick durchs Schlüsselloch, und wenn da dann schon Licht hindurch strömte, steigerte das nur die Spannung und verhieß Wunderbares. Wie gesagt früher wurde, dieser Brauch regelmäßig praktiziert, nicht um die Kindern auf die Folter zu spannen, sondern um die Erwartung lebendig zu halten, und um die Vorfreude zu steigern, die ja bekanntlich am größten ist, und auf diese Weise auch genährt werden will.

Ich habe heute in der Erinnerung an diesen Brauch, einen Schlüssel mitgebracht. Damit kann man eine Tür genauso zuschließen, wie aufschließen. Die Haustür, um die Kälte auszusperren, oder um Freunde einzulassen, gar Fremde, wie in Bethlehem Maria und Josef willkommen zu heißen. Man kann das Wohnzimmer verschließen, damit das Christkind vor den allzu neugieren Blicken der Kinder verborgen bleibt, und dadurch am Ende alle überraschen kann, und wenn man die Tür aufschließt, und wir zusammen mit den Kindern und der ganzen Familie das geschmückte und strahlende Zimmer betreten, in dessen Mitte der Weihnachtsbaum steht, dann ist wirklich Weihnachten.

Warum das so ist, ist gar nicht so leicht zu sagen. Viele Erinnerungen hängen daran, die uns schon seit Kindertagen begleiten, und wenn wir dann unsere eigenen Kinder ansehen oder unsere Enkelkinder, dann wiederholt sich auch unsere eigene Geschichte und wir können wieder zu Kindern werden, auch wenn wir längst den Kinderschuhen entwachsen sind. Weihnachten, das hat etwas mit der Geschichte von Maria und Josef zu tun, den Hirten auf dem Felde und den Weisen aus dem Morgenland. Mit unseren Kindheitserinnerungen, mit der Sehnsucht nach Harmonie und Frieden, zuhause in der eigenen Familie genauso wie in der Welt da draußen. Wahrscheinlich kommen aber die wenigsten darauf, dass Weihnachten auch etwas mit so einem Schlüssel zu tun haben könnte.

Die Menschen im Mittelalter wussten das und zu Zeiten der Reformation dichtete Nikolaus Herman 1554: „Heut schleußt er wieder auf die Tür, zum schönen Paradies; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis, Gott sei Lob Ehr und Preis! (EG 27,6)“

Wenn man also diesen Schlüssel nimmt, kann man leichter nachvollziehen, warum bei uns oft das Wohnzimmer vor Weihnachten abgeschlossen, und erst an Weihnachten feierlich geöffnet wird. Wir erinnern damit vielleicht ungewollt an das Paradies, das für uns verloren gegangen ist, so wie einst für Adam und Eva, und das an Weihnachten wieder offen stehen soll.

Lassen Sie uns darüber nachdenken wie das gekommen ist. Ganz am Anfang der Welt lebten Adam und Eva ganz im Einklang mit sich und ihrer Umwelt. Sie hatten den ganzen Garten Eden für sich, mit allen Früchten und Gaben. Ein regelrechtes Paradies. Sogar Gott ging abends im Garten spazieren. Doch dieser paradiesische Zustand währte nicht lange. Der Bibel zufolge, ließen Adam und Eva sich verführen, und kosteten von der verbotenen Frucht, die klug und mächtig wie Gott machen würde. Gott fürchtete, dass den Menschen von nun an alles möglich sein würde, deshalb trieb er sie aus dem Paradies hinaus, und schützte es mit Engeln, mit flammenden Schwertern um den Baum des Lebens vor den Menschen zu bewachen.

Da war das Paradies für Adam und Eva verschlossen, und für alle Generationen nach ihnen, auch für uns. Langsam und stück für stück lösten sich die Menschenkinder von ihrer totalen Abhängigkeit von der Natur, und nicht zuletzt auch von ihren Eltern. Das ist kein Sündenfall, sondern etwas, das jeder von uns durchgemacht hat, wenn er oder sie den eigenen Willen erprobt und um Selbständigkeit kämpft. Die Schlange, die Adam und Eva verführte, ist nicht das Böse schlechthin, im Gegenteil, sie weckt die menschliche Neugier und die Lust das Leben auszuprobieren. Ihr werdet sein wie Gott, sagt sie, und wissen was gut und böse ist. Ihr werdet nicht sterben, wie Gott gewarnt hatte, und doch müssen sie entdecken, dass sie nackt sind und sie schämen sich dafür.

Davon hatte die Schlange nichts gesagt, dass die Sache zwei Seiten hat. Erkenntnis ist gut, besonders Selbsterkenntnis, aber durch sie erkennen wir auch, dass wir selber nicht makellos sind und Fehler haben. Freiheit ist gut, aber wer ein freies Leben führt, den kann jeder sehen, und manchmal zeigt sich, wie er sich übernommen hat. Eigenverantwortlichkeit ist gut. Aber wo selbständige Menschen zusammenleben, konkurrieren sie auch miteinander und werden schuldig. Und so kam mit der Freiheit die Scham in die Welt, und mit der Verantwortlichkeit die Schuld.

Gott wusste, dass es gefährlich werden würde und dass es Risiken geben würde, die kaum noch zu beherrschen gewesen wären. Deshalb wollte er die Menschen vom Baum der Erkenntnis fernhalten. Aber nachdem es nun Mal geschehen war und die Menschen, gottgleich die Erde gestalten und verwalten konnten, verschloss Gott das Paradies, um den Baum des Lebens zu schützen. Vor dem Garten Eden aber ließ er die Cherubim lagern mit dem flammenden blitzenden Schwert.

Seit jenen Tagen befinden wir uns jenseits von Eden. Und wir finden uns wieder in einem Leben, das wir alle miteinander im Guten wie im Schweren teilen. Durch Gottes Segen tragen unsere Äcker immer noch Frucht, und die Arbeit, die wir zu tun haben, erfüllt uns auch. Aber es wachsen eben auch Dornen und Disteln, und die Arbeit ist oft schwer und manchmal auch vergebliche Mühe. Jenseits von Eden werden immer noch Kinder geboren, zum Glück ihrer Eltern, aber auch verbunden mit Schmerzen und Sorgen. Und jenseits von Eden gelingt unser Zusammenleben durch Gesetze und Regeln, und Gottes Geboten. Aber wir werden ihnen niemals ganz gerecht und bleiben nicht ohne Schuld.

Deshalb erwacht immer wieder von neuem in uns, und besonders an Weihnachten, die Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies; die Sehnsucht erlöst zu werden aus Mühsal und Vergeblichkeit, aus Verletzungen und Schuld. Wenn das nun wahr wird, was der Engel der Weihnachtsgeschichte verspricht, dass uns der Retter geboren wird, dann wird uns auch wie in dem Lied, die Tür zum schönen Paradies wieder aufgeschlossen, Gott sei Lob Ehr und Preis. Es ist so als ob in der Heiligen Nacht das Tor zum Paradies wieder auf ginge. Und dann sehen wir das Kind, ein Kind das die Freiheit nicht erkämpfen muss, sondern sie großzügig verschenkt, in dem wir vielleicht wieder wie früher, wie ein Kind unbefangen lachen und weinen können, und unser Herz sprechen lassen. Es ist ein Kind, um das wir uns keine Sorgen machen müssen, sondern dass sie zerstreut in dem Glauben, dass Gott wunderbar ist in jedem Kind, und sich seiner annimmt.

Der Baum der Erkenntnis hatte uns gezeigt, was gut ist und was böse, und dass alles zwei Seiten hat, und dass auch aus Gutem, Schlechtes werden kann. Das himmlische Kind zeigt uns, dass kindliche Sorglosigkeit stärker sein kann als die Angst zu kurz zu kommen; dass kindliche Arglosigkeit weiter reicht als Misstrauen und Missgunst, und dass Gott dafür ein steht. Und nicht zuletzt, dass auch aus Bösem, wieder Gutes werden kann. Wenn man sich nur dafür öffnet. Auch darüber gibt es viele Geschichten zu erzählen, wie sich die Herzen der Menschen öffnen, gerade an Weihnachten, wie aus alten und verbitterten Zeitgenossen, wieder empfindsame und einfühlsame Menschen werden. Wenn also die Tür zum Paradiese aufgeschlossen wird, dann ist das vielleicht auch ein Gleichnis dafür, wie sich die Türen unseres Herzens zu öffnen vermögen. Und wo das geschieht, bekommt das Leben Glanz und Wärme, und es kann etwas neues beginnen.

„Heut schleußt er wieder auf die Tür zum schönen Paradies.“ Ich weiß nicht ob wir damit auch schon hineingelangt sind. Wärme, Licht und Frieden, das sind wahrscheinlich eher Momente unseres Lebens, die sich nicht festhalten lassen und die uns entschwinden, je mehr wir nach ihnen greifen. Aber die Erinnerung daran weckt auch die Sehnsucht, das Verlorene zu suchen, und wenn wir das in dieser Welt nicht finden, dann in jener kommenden. Einst hatte der große Prophet Mose sein Volk Israel aus der Sklaverei in Ägypten befreit, und über viele Jahrzehnte durch die Wüste geführt um das gelobte Land zu suchen. Als sie es endlich gefunden hatten, da lag Mose schon im Sterben. Er würde es nicht mehr betreten können. Doch statt dessen ließ er sich der Sage nach auf einen hohen Berg bringen, um es wenigstens mit seinen Augen sehen zu können. Und ich bin mir sicher, dass er mehr gesehen hat, als sein Volk dann später darin gefunden hat. Denn das wirkliche Paradies liegt nicht da draußen, am Rande der Wüste, sondern es liegt in uns, in unserer Fröhlichkeit und in unserer Güte. Wo immer diese Tür in unserem Herzen geöffnet wird, da wird auch das Paradies erfahrbar. Das Leben wird dadurch heiter und tief, auch wenn es weiterhin endlich bleibt. Doch das ist nicht mehr schlimm, weil die Lebendigkeit des Lebens in uns wohnt, weil Gott in uns wohnt. Amen.